Glück und Glück gesellt sich gern

Ich beschäftige mich ja grad sehr mit dem Glück, habe unzählige Glücksstudien und Forschungsergebnisse gelesen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Glück etwas sehr subjektives ist und stark mit unseren ureigenen Werten und Lebensmotiven zu tun hat und bin Glückstipps und Verallgemeinerungen gegenüber skeptisch. Neugierig und zum Teil fasziniert bin ich von den Ergebnissen zum Teil trotzdem.
So hat der italienische Psychiater Giovanno Fava depressiven PatientInnen empfohlen, ein Glückstagebuch zu führen. Jeden Abend sollten sie drei bis fünf Dinge aufschreiben, die sie zufrieden oder glücklich gemacht haben.
Klingt lächerlich, ich weiß, ist es vielleicht auch. Die Studie hat gezeigt, dass depressive Patienten nach zehn Wochen deutlich weniger Angst hatten, ihre Niedergeschlagenheit hatte sich stark gebessert. Ohne Antidepressiva, nur indem sie schöne Momente auch als solche wahrnehmen und bewusster und sinnlicher durch den Alltag gehen. (Und das hat für mich nichts damit zu tun, die Ölpest und die Wirtschaftskrise zu verleugnen und Probleme zu verdrängen. Es geht lediglich auf den Fokus.)

Ja, auf jeden Fall bin ich – wie gesagt, ein neugieriger Mensch. Also habe ich angefangen, Glückstagebuch zu schreiben. Wenns nicht hilft, dann wird es wohl zumindest nicht schaden. Und wenn ich jetzt so nachschaue, was ich in den letzten Wochen aufgeschrieben habe, dann bin ich entsetzt.

Mittwoch
• Krautfleckerl gekocht und gegessen
• trainiert
• Großmutters Germguglhupf gebacken

Donnerstag
• Frühstück mit S., schön und lecker!
• Mittagessen beim Italiener mit Frau Dr. Blubb, danach mit ihr im Café Central Melange und heiße Schokolade getrunken
• mit M. Fußball geschaut und danach im Theater

Freitag
• Lachsfrühstück im Büro
• es gibt Lamm
• fleißig trainert und gut geschwitzt
• Zotter-Schokolade

Ja, so geht’s dahin. Kochen, Essen und Trainieren machen mich glücklich. Am glücklichsten mit Menschen, die mir wichtig sind. Und ich ertappe mich untertags beim Gedanken: Das ist jetzt schön, das muss ich mir unbedingt merken und heute Abend ins Glückstagebuch schreiben.

Gesternabend hab ich was besonders schönes reingeschrieben. Etwas, das ausnahmsweise nichts mit Essen zu tun hat.

E. hat mich angerufen. Ein schönes und offenes Gespräch, das mich berührt hat.

Zurück zu den Glücksstudien. Was viele Menschen noch glücklich macht, sind Singen, Tanzen und ehrenamtliches Engagement. Und die Fähigkeit, dankbar zu sein.

Ich bin grad sehr dankbar.
steppenhund - 19. Mai, 20:54

Dankbarkeit

Das scheint mir eine der Hauptingredienzien zu sein. Es gibt ja nichts, was sicher ist. Das Beste kann sich schlagartig zum Düstern wenden. Dankbarkeit ist auch guter Wirkstoff gegen Neid. (Der macht definitiv unglücklich.)

Das mit dem Aufschreiben gibt es auch in anderen Variationen.
Ich habe einmal ein Rezept gefunden:
drei Dinge, die man gelernt hat am Tag.
ein Ding, das schief gegangen ist.
Einen Monat habe ich das durchgehalten, dann habe ich gelernt, dass meine Schlamperei große Macht besitzt. ich weiß nicht ob ich das bei den drei oder bei dem einen Ding zuordnen soll.
Zwischen Glück und Lernen besteht für mich gar nicht so ein großer Unterschied. Wenn ich etwas lerne, dann verstehe ich ein bisschen mehr. Mehr Verstehen reduziert Unsicherheit, Angst vor Versagen. Es vergrößert Verständnis für Anderes, Fremdes und für andere Menschen.
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Ich habe heute z.B. gelernt, dass ich ein Schreiben, dass ich jetzt schon drei Wochen aufgeschoben habe und jetzt endlich geschrieben habe, ganz schnell und leicht in 15 Minuten erledigen konnte. Ich könnte mich in den Hintern beißen, dass ich es nicht schon früher gemacht habe. (Empfänger: Finanzamt)
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Aber ich führe nicht mehr Buch darüber:)

testsiegerin - 19. Mai, 21:24

das ist auch nachgewiesen, dass lebenslanges lernen tatsächlich glücklich macht.
merk ich eh an mir selber auch.
irishwolfhound - 19. Mai, 21:02

jetzt bin ich entsetzt!

was ist so entsetzlich daran, kochen und essen als glücklichmachend zu empfinden?

für mich ist das absolut stimmig!

auch ich koche & esse gerne, am liebsten in guter gesellschaft.

wenn ich deine speisen so lese, rinnt mir das wasser im munde zusammen! also, weg mit dem restchen von schlechtem gewissen und geniesse es zu 100%!

testsiegerin - 19. Mai, 21:27

mein schlechtes gewissen hält sich eh in grenzen.
mich hat ja nicht überrascht, dass essen eine rolle spielt. nur, dass es offensichtlich SO VIEL rolle spielt.

aber laut dem motivationsforscher steven reiss ist essen eines der wichtigen 16 lebensmotive bei menschen. bei mir scheint das ziemlich stark ausgeprägt.
hans1962 (Gast) - 19. Mai, 21:19

Ich hab' mir in den letzten 2-3 Monaten systematisch und hartnäckig eine Möglichkeit erkämpft, Natur und (Gestaltungs-)Freiheit zu erleben und in der bleibenden Freude darüber aufzugehen.
Und ich müsste noch nicht einmal jemandem danken dafür.
Dennoch empfinde ich Dankbarkeit.

Einen schönen Gedanken hast du da aufgegriffen - ich glaube zu verstehen, was du meinst.

testsiegerin - 19. Mai, 21:29

bei dem gefühl der dankbarkeit geht es eh nicht unbedingt darum, dass man sich bei jemandem konkreten dankt oder gar danken muss.
gemeint ist die dankbarkeit gegenüber dem leben. ich denke, auch ein bisschen demut.
steppenhund - 19. Mai, 23:01

100% d'accord
datja (Gast) - 20. Mai, 14:10

jajaja und nochmals ja!
essen - gute gesellschaft - trainieren - lachen - lernen - ehrenamtliche tätigkeit - tanzen -garteln - mit tieren spielen und arbeiten.

:)

Stefan (Gast) - 20. Mai, 14:29

Glückstagebuch

Liebe Barbara,

Anregungen und Hintergründe zum Führen deines Glückstagebuches findest du auch hier:
http://www.stilles-glueck.net/content/das-gl%C3%BCckstagebuch

Stilles Glück ist übrigens ein für alle Besucher kostenloses Themenportal, auf dem sich alles darum dreht, wie wir unser Leben ein bisschen einfacher, leichter, entspannter und glücklicher gestalten können.

Du kannst dort übrigens auch dein Glückstagebuch online führen. Und in Kürze erscheint ein Artikel über weitere wissenschaftliche Nachweise über die Vorteile eines Glückstagebuches.

Sei herzlich eingeladen, dich auf Stilles Glück umzusehen und ... viel Glück!

Herzlich, Stefan

testsiegerin - 20. Mai, 19:58

danke schön für den link.
hab schon ein bisschen geschmökert.
bonanzaMARGOT - 20. Mai, 17:15

glückstagebuch - das klingt mir zu sehr nach kontrolle. am glücklichsten fühle ich mich an tagen, wo ich mich zwanglos und unkontrolliert fühle. mit einem glückstagebuch würde ich mir sozusagen einen zwang zum glücklichsein aufbürden. ich wäre ständig am überlegen, ob diese oder jene tätigkeit zu meinem glück gehört oder nicht.
freiheit hat, finde ich, sehr viel mit glück zu tun. ratgeber bzw. anweisungen engen meine freiheit ein.
was bei praktischen sachen, z.b. einen schrank zusammen zu schrauben, sehr sinnvoll ist, ist meines erachtens zum erreichen von lebensinhalten und emotionellen werten eher hinderlich. natürlich kann man sich auf so was einlassen, wie man sich tölpelhaft auch auf eine dät einläßt, um sich hernach über den jojo-effekt zu wundern.

Stefan (Gast) - 20. Mai, 19:38

Liebe Bonanzamargot,

ein Glückstagebuch hat mit Kontrolle gar nichts zu tun. Am Ende eines Tages erinnerst du dich an schöne Momente, schreibst sie nieder und das war's. Den nächsten Tag lebst du ja nicht so, dass du am Abend wieder etwas Schönes aufzuschreiben hast. Im Gegenteil: erst in deiner Erinnerung eines zwanglosen Tages holst du die glücklichen Begebenheiten hervor und gibst damit deinen Gedanken eine Richtung. Du schärfst deine gedankliche Ausrichtung und deine Sinne - und das verändert mit der Zeit unsere Wahrnehmung. Völlig zwanglos und bar jeder Kontrolle.
testsiegerin - 20. Mai, 19:58

war mir klar, dass von dir sowas kommt ;-)
natürlich kann man sich auch weiterhin in der scheiße suhlen.
ich hab nicht behauptet, dass das der weisheit letzter schluss ist. ich bin halt tief im herzen ein positiv denkender mensch, und mir kommt dieses konzept sehr entgegen. und ich glaub, dass mich das trotzdem nicht blind und blöd macht für all das elend und unglück rund um uns.

meine tochter ist ja auch so ein missmutiges exemplar, der geht mein optimismus oft ziemlich auf den keks.
für mich gehts einfach um das schärfen der sinne auf die vielen glücklichen momente im leben. um nicht mehr. aber auch nicht um weniger.

und zwang mag ich auch keinen. wenn ich nicht glückstagebuch schreiben will, dann tu ich es nicht.
basta ;-)
bonanzaMARGOT - 20. Mai, 21:19

Auch ich komme nicht drumrum, mich und meine Umwelt zu belügen, um halbwegs gutgelaunt und hoffnungsvoll durchs Leben zu kommen. Allerdings ist mir dies bewusst, wenn mein Blick durch die rosarote Brille geschönt ist. Meistens. Ich betrachte mich als einen ziemlich glücklichen Menschen. Ich finde, dass jeder Mensch, der im Großen und Ganzen gesund ist, ein Auskommen und ein Zuhause hat, sich sehr glücklich schätzen kann. Durch meine Arbeit im Pflegeheim werden meine persönlichen Ansprüche an das Glück regelmäßig zurechtgestutzt. Dabei ist es ganz normal, dass wir Tage haben, wo wir alles schwarz sehen und sehr angstvoll in die Zukunft blicken. Für manche Menschen mag dann ein Glückstagebuch eine Hilfe sein. In meine Augen, Entschuldigung, ist es Humbug. Der heutige Mensch hat den Hang, alles zu protokollieren, zu kontrollieren, und sich gegen jedmögliches Unglück abzusichern bzw. zu versichern. Ich finde dieses Verhalten total überkanditelt - sozusagen ein aufgeblasenes Luxusproblem, auf welches sich freilich diverse Geschäftemacher stürzen. Hier greift auch wieder mein Vergleich mit der Diät; oder nehmen wir die Kosmetikindustrie bis hin zu den kosmetischen Operationen, wo den Menschen Schönheit und Glück versprochen wird.
Nein, ich bin kein Nörgler und auch kein Menschenhasser - ich ärgere mich aber oft über die Oberflächlichkeit meiner Mitmenschen.
walküre - 20. Mai, 19:44

Vor etlichen Jahren schon habe ich gelesen, dass es dem Menschen nicht möglich ist, zugleich an etwas Positives und etwas Negatives zu denken - eine Theorie, die mir zu stimmen scheint und auf der wahrscheinlich auch das Glückstagebuch basiert. Schöne Idee, gefällt mir gut.

Und was das Essen anbelangt: Es heißt doch nicht umsonst, dass Essen Leib und Seele zusammenhält (und darüber hinaus erfüllt es natürlich im Idealfall auch soziale Bedürfnisse) !

testsiegerin - 20. Mai, 20:11

den leib treibt es manchmal auch auseinander, das essen ;-)
dem tut aber bewegung gut. heute eine stunde hot iron, bist du deppert! und dann sauna. hmmmm.
walküre - 20. Mai, 20:27

Ah, eine Stunde Bügeln und danach Sauna ! :-)))
Jossele - 20. Mai, 20:20

Ich hab ja an sich mit dem Begriff "Glück" ein bisserl Schwierigkeiten weil der so viel umfaßt.
"Da hast du aber Glück gehabt" bis hin zum "Glücklichsein".

Ich nehme an, wir reden eher von Letzterem, und das zieht sich durch sogut wie jeden Tag, weil ja selbst der eingefleischte Nörgler sowas wie Glücksgefühl, oder nennen wir es Lust, beim Nörgeln erfährt.

Glück sind Augenblicke, und deren haben wir viele.
Beim Kochen oder Essen sowieso!

Aufschreiben wär an sich nicht nötig, es sei denn, man wollte sich von der eigenen Glücksfähigkeit erst überzeugen.

(Heut z.B. war bei mir ein wenig so ein Chaostag weil ein paar organisatorische Sachen nicht funktioniert haben, und es war trotzdem schön, weil es Leben war.
Warum sag ich das jetzt?
Weil eigentlich ist es ein mentales Ding, Glücklich zu sein, nicht so sehr Verantwortung der Ereignisse.)

Stefan (Gast) - 20. Mai, 21:47

Du sagst es, Jossele: Aufschreiben wär an sich nicht nötig. Allerdings macht es die Sache konkreter, manifester, bestimmter als dies bei rein mentaler Erinnerung der Fall wäre.

@Bonanzamargot: Der Unterschied zum Protokollieren ist, dass Protokolle etwas für die Zukunft festhalten. Beim Glückstagebuch schreibst du bewusst Erinnerungen auf und lässt sie danach wieder los. Ein Nachlesen vergangener Einträge ist weder notwendig noch erwünscht. Und der positive Effekt ist wissenschaftlich erwiesen (ganz im Unterschied zum positiven Denken, übrigens). Aber ich hör' schon auf ;-)
bonanzaMARGOT - 20. Mai, 22:05

Stefan, du hast Recht. Ich halte das Tagebuchschreiben für eine gute Sache - für Menschen, die ihe Erlebnisse reflektieren, ihre Gedanken aufschreiben wollen. Tagebuchschreiben ist eine Herzensangelegenheit, eben um sein Herz auszuschütten. Wir alle wissen, wie wichtig das ist, selbst wenn es im Geheimen passiert. Wozu dann extra ein Glückstagebuch!?
Dazu schreiben wir dann noch ein Liebestagesbuch, ein Traumtagebuch, ein Nebensächlichkeitentagebuch, ein Wünschetagebuch etc.
Also, tut mir leid, ich finde, dass hier bei der Glückstagebuchdiskussion das Wesentliche aus den Augen verloren wird.
testsiegerin - 21. Mai, 11:39

@ bonanza:

irgendwie hab ich gestern beim autofahren gespürt, dass ich mich ärgere über deine reaktion.
nicht darüber, dass du das ganze als humbug findest, das ist deine angelegenheit, ich hab ja nur über meine erlebnisse und eben diese studie berichtet und niemanden dazu aufgefordert, das selbst zu tun.

du aber wertest menschen, die das tun, die nicht nur den ganzen scheiß auf der welt, sonern auch das schöne sehen, ab. nennst sie (und damit auch mich) lügner.

ich lüge mich aber nicht an, wenn ich das zwitschern der vögel genieße oder frisch vom bauern geholten spargel koche. ich lüge mich nicht an, wenn ich neben dem ganzen mist in meinem leben auch das sehe, was gut funktioniert. und wenn ich das am abend für mich aufschreibe. fertig.
ich bin nicht missionarisch unterwegs, jeder und jede kann tun, was er oder sie will. ich hab nicht geschrieben: Leute, schreibt ein Glückstagebuch und es geht euch allen um 2000 prozent besser.
ich merke einfach, ich finds eine witzige idee und mir tut es grad gut, meinen blick auch auf das schöne zu richten. AUCH. nicht NUR.
Stefan (Gast) - 21. Mai, 11:40

Schön, sich mit dir auszutauschen, Bonanzamargot. Auch, wenn wir noch aneinander vorbeireden. Denn es geht nicht darum, sein Herz auszuschütten. Es geht darum, die eigene Wahrnehmung zu verändern. Denn die Welt - genauer gesagt: deine von dir erlebte Wirklichkeit - ist exakt so, wie du sie wahrnimmst und interpretierst. Pechschwarz, Grau-in-Grau, strahlend hell, ... - alles eine Frage der Perspektive und der Wahrnehmung. Veränderst du die Wahrnehmung, veränderst du die Welt.
bonanzaMARGOT - 21. Mai, 12:25

testsiegerin, entschuldige nochmals, dass ich eine andere meinung vertrete. ich möchte niemandes einstellung über den haufen werfen, finde es aber schon wichtig, meine abweichende einstellung zu diesem thema zu äußern - auch weil es mich sehr beschäftigt.
ja, in meinen augen belügen wir uns in vielen dingen des lebens. es ist wohl eine art psychische überlebensstrategie, die eventuell genetisch angelegt ist. ich schließe mich da keinesfalls aus. allerdings reflektiere ich die welt und mich kritisch - hinterfragend.
mit meiner kritik will ich menschen, die anderer auffassung sind, nicht verunglimpfen. deswegen vermeide ich persönliche attacken. niemand kennt doch den anderen, der viele kilometer entfernt in seiner lebenswelt mit seinen stimmungen und lebenserfahrungen am computer sitzt.
kontroverse diskussionen finde ich wichtig und spannend, damit wir die unterschiedlichen positionen und perspektiven herausarbeiten können. dies bietet die chance, unser denken, unsere toleranz und empathie zu erweitern.
ich wollte dich nicht ärgern.

sowieso finde ich z.b. das zwitschern der vögel auch wunderschön, und sehr vieles auf der welt macht mich wundern und staunen - im positiven sinne.
ich liebe die menschen - auch oder gerade wegen ihrer nur zu menschlichen befindlichkeiten, ihren macken, ihrer umtriebigkeit, dem ganzen brimborium, welches sie für sich auf die beine stellen ...
es ist ein großes glück, ins licht schauen zu dürfen mit der hoffnung im herzen auf eine bessere welt und eine schöne zukunft. die liebe ist ein wunderbarer hoffnungsquell.
nichtsdestotrotz denke ich über das erreichen und den sinn von glück etwas anders.
bonanzaMARGOT - 21. Mai, 12:52

stefan, es ist richtig, dass die wahrnehmung das erleben der welt verändert. die welt im objektiven sinne wird davon weniger berührt - vielleicht in der quantenphysik. ein verbrechen bleibt z.b. ein verbrechen, auch wenn der täter sehr gute gründe dafür anführt - womöglich hält er aus seiner wahrnehmung heraus, das was er machte, gar nicht für ein verbrechen. also, wenn wir die sicht auf die welt absolut von unserer wahrnehmung abhängig machten, dann wäre der willkür tür und tor geöffnet. da wir soziale wesen sind, gleichen wir unsere wahrnehmungen an, vergleichen sie und hinterfragen die abweichungen. am aktuellen religionsdiskurs zwischen moslems und nichtmoslems sind die schwierigkeiten dieses "abgleichs" sehr deutlich zu verfolgen. scheinbar können zwei menschen aufgrund unterschiedlicher religion und kultur beinahe konträre wahrnehmungen von ein und derselben welt/sache haben.
das ist vielleicht auch ein glück, dass wir menschen derart unterschiedlich denken, weil das leben sonst, wie ich finde, sehr langweilig wäre - weniger glücklich ist es, wenn aufgrund unterschiedlicher wahrnehmungen blut vergossen wird und menschen ihre mitmenschen anderer gesinnung unterdrücken.
wem ein glückstagebuch hilft, ein glücklicherer mensch zu sein, der soll es führen; wem diäten helfen, der soll diäten machen; wer botox und brustvergrößerungen braucht für sein glück, der soll zum schönheitschirurgen gehen ...
toleranz bedeutet nicht, dass man die andere "wahrnehmung" gut heißt.
testsiegerin - 21. Mai, 13:53

@ bonanza

noch einmal:
für mich ist das nur ein kleiner aspekt vom glück, glücksmomente zu erkennen. das viel, viel größere glück besteht darin, werte, die mir persönlich wichtig sind (freundschaft, respekt, solidarität, kreativität, freiheit,...) im alltag leben zu können. und darin, tätigkeiten nachzugehen, die für mich einen sinn haben, die mich herausfordern, denen ich mit leidenschaft nachgehe.
bonanzaMARGOT - 21. Mai, 14:04

davon gehe ich aus, testsiegerin

es ist nicht verkehrt, wenn man ab und zu in dieser stressigen zeit, wo die terminkalender voll sind, über sein glück und seine tagtäglichen glücksmomente nachdenkt. ebenso sollten wir manchmal über unsere ernährung nachdenken. auch da macht es sinn, mal aufzuschreiben, was wir den tag über in uns hineinschieben.
alles wirkt komplex zusammen im leben - darum ist das mit dem glücklichsein auch nicht so einfach.
Anja-Pia - 21. Mai, 14:16

@Bonanza, wenn man bedenkt, was Menschen sonst noch alles tun (saufen, rauchen, koksen ....), um sich glücklich zu fühlen, ist (auf)schreiben doch wirklich zu befürworten.
bonanzaMARGOT - 21. Mai, 15:34

natürlich anja-pia, glückstagebuch schreiben ist völlig harmlos. mir ging es auch mehr um den geistigen hintergrund - was glück für uns bedeutet, ob ratgeber oder lebenshilfen zum glücklichsein sinnvoll sind. was ist der grund für solche seminare? tut das not? für mich ist sowas halt firlefanz. meine einstellung ist vielleicht typisch mann(?) ja, ich trinke mir lieber einen, bevor ich ein glückstagebuch führe.
Jossele - 21. Mai, 16:53

@Bonanza, Bei all deiner Argumentation finde ich nichts was gegen das Aufschreiben spricht.
Resume, schriftlich oder nur im Kopf, ist nichts Verwerfliches.
Belügen kannst du dich auch ohne Schreiben.
Stefan (Gast) - 22. Mai, 09:01

@ Bonanzamargot:
Gibt es überhaupt eine objektive Welt? Können Dinge (ob ein Baum, ein Tisch oder auch ein Verbrechen) existieren, wenn wir sie nicht wahrnehmen?
Das sind Fragen, mit denen sich die Quantenphysik - wenn du sie schon erwähnst - beschäftigt. Und vielleicht tut es uns gut, manchmal auch über die scheinbare Sicherheit unseres scheinbar gesicherten Wissens nachzudenken. Muss aber nicht sein ;-)
bonanzaMARGOT - 22. Mai, 11:59

Stefan, ohne das Bestreben nach objektiven Wahrheiten, Gesetzmäßigkeiten und einer objektiven Ethik kommen wir in einer sozialen Lebenswirklichkeit nicht zu Potte. Ansonsten könnten wir uns alle Philosophie, Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften sparen. Auf dem Weg nach objektiven Wahrheiten müssen wir selbstverständlich gehabte Vorstellungen stets überprüfen oder gar revidieren im besten Sinne wissenschaftlicher Methodik.
Ob wir bei diesem Prozess jemals ans Ende der Fahnenstange der Objektivität kommen, ist fraglich, aber nicht besonders wesentlich für unsere Lebensrealität.
Stefan (Gast) - 22. Mai, 17:53

Und mit all unserem Streben nach objektiven Wahrheiten - kannst du wirklich behaupten, wir seien damit in der Vergangenheit bis jetzt vorangekommen? Kannst du wirklich behaupten, wir hätten mit unserem Streben nach einer objektiven Ethik auch nur die geringsten Fortschritte gemacht?
Wenn du Lust hast, hier ist ein Beitrag zu genau diesem Thema: http://www.stilles-glueck.net/journal/ismael
bonanzaMARGOT - 22. Mai, 20:07

wir wissen heute mehr über die zusammenhänge und gesetzmäßigkeiten um uns herum als im mittelalter; und ich würde sagen, dass aufklärung und demokratie ethisch wie gesellschaftlich große fortschritte bedeuten.
dass die weltbevölkerung derart explodieren konnte, und wir eine mehr als doppelt so hohe lebenserwartung als im mittelalter haben, ist u.a. dem medizinischen fortschritt zu verdanken. natürlich gibt es auch immer die berühmte kehrseite der medaille, welche goethe bereits trefflich im "faust" darlegte. aber willst du, stefan, ernsthaft zurück ins mittelalter oder in ein anderes früheres zeitalter?
Stefan (Gast) - 23. Mai, 15:35

Wir glauben, viel mehr zu wissen - das ist für mich der Unterschied. Aber unser Wissen ist ein Scheinwissen, ein Bezugswissen, das immer nur in einem eng gesteckten Bezugsrahmen Gültigkeit hat. Nimm nur 2 Klassiker der Physik her - die Heisenberg'sche Unschärferelation und Schrödinger's Katze -, dann wird klar, dass unser Wissen vom Standpunkt unserer Beobachtung abhängt. Wechsle die Perspektive und dein Wissen ist ein anderes.

Und um für einen kurzen Augenblick sarkastisch zu sein: Ja, Aufklärung und Demokratie haben uns so große Fortschritte gebracht, dass wir nach wie vor Kriege führen - gegen andere, gegen die Natur und letztlich gegen uns selbst. Sarkasmus Ende.
bonanzaMARGOT - 23. Mai, 23:34

Es existiert nur "Bezugswissen", wie du es nennst - das macht es nicht wertlos. Es ist absolut kein Scheinwissen. Tagtäglich benutzen wir ganz selbstverständlich dieses Wissen, wenn wir das Licht anknipsen, TV schauen, Auto fahren, zum Arzt gehen etc.
Die Natur bzw. der Charakter des Menschen hat eine Reihe negativer Eigenschaften, welche dazu führen, dass wir unser Wissen nicht nur für gute Projekte verwenden. Daran ist nichts zu ändern - auch nicht mit Glückstagebüchern, Weisheiten und Lebensratgebern ...
Ich sehe die Realität lieber ungeschminkt, als dass ich mir was vormache. Die Menschheit wird sich auf kurz oder lang zugrunde richten. Diese traurige Wahrheit hat aber nichts mit dem Wissen des Menschen zu tun sondern mit dem Wesen des Menschen selbst.
Stefan (Gast) - 24. Mai, 10:06

Ja, unser wachsendes (Bezugs-) Wissen hat uns mehr Bequemlichkeit und Komfort gebracht, da gebe ich dir natürlich Recht. Und niemand wird wohl gerne darauf verzichten. Ich auch nicht.
Aber es hat nicht dazu beigetragen, die Welt und uns selbst besser zu verstehen. Die Frage ist, woran wir den Wert von Wissen messen wollen?

Disziplinen wie die Quantenphysik könnten uns dabei einen kleinen Wink in eine neue Richtung geben. Uns zeigen, dass wir 1. nichts wissen (das anzuerkennen kann sehr erfrischend sein, weil wir die Dinge wieder unbefangen betrachten können) und 2. dass alles von uns selbst abhängt.
Wenn dann jeder bei sich selbst beginnt (nenne mich ruhig einen Träumer), kann sich alles verändern. Das Führen eines Glückstagebuches ist dabei ein mögliches Werkzeug zur Veränderung der eigenen Perspektive - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
bonanzaMARGOT - 24. Mai, 14:56

ich hatte bereits erklärt, warum ich denke, dass die misere, in welcher der mensch steckt, nicht an seinem wissen liegt sondern an seinen negativen eigenschaften.
wissen und technik richtig angewendet, und niemand müßte auf der welt hungern, und viele menschen mehr könnten mit der modernen medizin gerettet werden. das wissen, welches wir heute haben, macht unseren alltag nicht nur bequemer, wie du es sagst, es rettete vielen vielen menschen das leben. ich redete auch schon von der anderen seite der medaille, wo das wissen in menschlichen seuchen wie krieg, ausbeutung und unterdrückung mißbraucht wird - dies war aber schon zu allen zeiten und in allen zivilisationen so. die mittel änderten sich, der mensch nicht in besonderem maße.
meiner meinung nach sollte der mensch erstmal die realität erkennen, wozu eben auch seine schwachpunkte gehören - erst wenn wir über unser wesen im klaren sind, können wir vielleicht das ein oder andere noch zum besseren wenden. leider fehlt den meisten menschen das bewusstsein für diesen aufklärerischen gedankenansatz - lieber glauben sie an religionen, esoterischen schnickschnack, oder sie ergeben sich völlig dem mammon.
ich habe wirklich nichts gegen das führen von glückstagebüchern, stefan, mir ging es um die geistige auseinandersetzung dahinter: was heißt für uns menschen glück auf diesem planeten? meiner meinung nach denken wir da oft zu kleinkariert ( oberflächlich und egoistisch), und diese diskussion über glückstagebücher ist ein indiz dafür.
hans1962 (Gast) - 24. Mai, 22:04

Hallo BonanzaMargot,

ich fürchte, du führst hier beim Thema Glückstagebuch einen leidvollen und zugleich ermüdenden Kampf gegen die Windmühlenflügel deiner eigenen inneren Konzepte.
Das macht mich betroffen.
bonanzaMARGOT - 25. Mai, 06:57

macht dich betroffen? wo wir uns gar nicht kennen - verstehe ich nicht, hans1962.
keine sorge. mensch bleibt mensch. ich bleibe ich. eine meinungsvielfalt liegt in der natur der sache. ich will niemanden von meiner welt- und menschsicht überzeugen. es ist mehr ein abtasten, wo man reibung und überschneidungen erfährt. es ist einfach eine bereicherung an kommunikation und auch lust am diskurs. es ist eine lebendige geschichte, und wir "spielen" unsere rollen.
Stefan (Gast) - 25. Mai, 08:45

Ja, mir macht unser Diskurs auch Spaß. Stellenweise habe ich den Eindruck, wir drehen uns im Kreis, dann denke ich mir wieder, dass wir gar nicht so weit mit unseren Sichtweisen auseinander liegen.

Zu der von dir erwähnten Kleinkariertheit des eigenen Glücks gibt es eine nette Geschichte: http://www.stilles-glueck.net/journal/try-world-peace - vielleicht ist es das, was du damit meinst?

Noch eine Frage: Wenn wir unsere Rollen "spielen" (ich bin da ganz bei dir), warum dann nicht einfach das Kostüm wechseln und in eine andere Rolle schlüpfen?
bonanzaMARGOT - 25. Mai, 14:22

das glück hat eine große spannweite: oder: das glück ist ein menue, welches sich jeder selbst anrichtet mit den teilweise unterschiedlichsten inkredenzien. nicht jede art glück schmeckt jedem. mit zutaten wie glücksseminaren und glückstagebüchern habe ich für mich mit meinem weltbild probleme, wie ich hier versuchte darzulegen. es ist nicht einfach zu begründen. mein verstand ist relativ pragmatisch ausgerichtet, so dass mir solcherlei getue um das persönliche glück überkanditelt, unsinnig und als firlefanz erscheint. es schmeckt mir zu aufdringlich - ich mag solche strategien und rezepte nicht, wenn es um magische, abstrakte und sehr weitgefaßte begrifflichkeiten geht. genausowenig mag ich z.b. anleitungen, wie man angeblich gute gedichte schreibt, oder einen liebesratgeber, oder altkluge abhandlungen zum kunstbegriff - sowas ist mir, wie gesagt, zu kleinkariert. aber jedem tierchen sein plaisierchen ... oder: leben und leben lassen. gerade in der heutigen zeit werden wir doch mit so viel ratgeberischem geschwätz konfrontiert ..., auf diesen zeitgeistexpress, der alles hin zum erfolg und wohlgefühl ausrichtet, der alles versucht mit qualitätsmanagement zu optimieren, wo sich millionen selbsternannte fachleute tummeln und alles immer undurchsichtiger wird ..., auf diesen zug will ich nicht aufspringen.
ebensowenig mag ich`s, wenn die glücksinkredenzien erfolg, status und wohlstand den geschmack der glückssuppe bestimmen. die suppe, die ich mir für mein glück versuche anzurichten, ist recht einfach: grundlage sind freiheit, bescheidenheit, respekt und lebenslust. weitere inkredenzien sind tagträumerei, liebe, eine brise bequemlichkeit, ästhetik, philosophie und kunst.
je nach lebenslage gerät die suppe mal gut und mal weniger gut nach meinem glücksgeschmack.

das im kreis drehen gehört zum leben, stefan: die erde um die sonne, der mond um die erde, der mensch um sich selbst, jede generation muss sich wieder und wieder die erkenntnisse über leben und glück selbst erarbeiten. vielleicht ist das menschenleben zu kurz, um wirklich nachhaltige erkenntnisse zu sammeln.

mit dem rolle spielen meine ich nicht eine schauspielerische rolle, sondern die rollen, welche uns das leben vorgibt: als kind, mann, frau, beruflich, familiär, privat, öffentlich ..., als atheist, religiöser mensch, materialist, nihilist, expressionist, optimist, pessimist etc. diese kostüme kann man nicht so einfach wechseln. natürlich kann man das eine mit dem anderen kombinieren, was ja den charakter des menschen so schwierig, widersprüchlich aber auch spannend macht.
Stefan (Gast) - 26. Mai, 09:04

Dein Suppen-Rezept klingt gut! Ein Glückstagebuch sehe ich in diesem Bild nicht als Zutat, sondern eher als Kochbuch. Selbst der Ungeübte kann sich damit Schmackhaftes zubereiten und lernen, eigene Suppen-Ideen auszuprobieren. Und irgendwann braucht er's nicht mehr, weil er aus dem Gefühl heraus kocht.
Die Gefahr, dass es damit dann nur mehr qualitäts-optimierte Mainstream-Suppen gibt, sehe ich nicht. Weil ja niemanden vorgeschrieben wird, was zu schmecken hat und was nicht.
(Und damit hör' ich auch schon auf - schließlich geht's mir nicht darum, ein Plädoyer für das Glückstagebuch zu halten)

Noch ein Zutaten-Tipp: bewusste Wahl (allerdings gebe ich zu, dass ich diese Zutat auch nur selten für meine Suppe verwende). Vielleicht ist es nicht einfach, seine Rolle zu ändern - für mich sind wir in der Tat Schauspieler, die von Eltern und sozialem Umfeld vorgesehene Rollen übernehmen -, aber mit dieser Zutat ist es möglich. Alles nur eine Frage dessen, was wir glauben, verlieren zu können bzw. mit der alten Rolle aufgeben zu müssen.
bonanzaMARGOT - 26. Mai, 18:07

das ist es ja, stefan, - die welt ersäuft in sogenannten kochbüchern und rezepten, ratgebern etc.
ich bin ein mensch, der das zepter für seine selbstbestimmtheit und sein glück nicht aus der hand geben will. ich wähle, wo ich wählen kann, bewusst. vieles kann ich mir leider nicht aussuchen, aber meine geistige freiheit will ich mir von niemandem nehmen lassen - von keiner religion, keiner ideologie, keinen gurus und keinen flachen, altklugen lebensratgebern - meine geistige freiheit ist mein höchstes gut; wenn ich die verliere, werde ich zum zombie, wie millionen menschen, die nur nachäffen, sich anpassen, unreflektiert lernen und für ihre karrieren und ihre glücksvorstellungen opportunistisch in fast jeden arsch kriechen.

womöglich bin ich diesem thema gegenüber übersensibilisiert ...
es ist das thema meines lebens.
Stefan (Gast) - 27. Mai, 08:39

Ich verstehe, was du meinst, Bonanzamargot. Viele, wenn nicht die meisten dieser Instant-Ratgeber wissen nicht mal selbst, wovon sie da eigentlich schreiben. Ein "Walk-your-talk" ist da eher die Ausnahme.
Dennoch kann es sinnvoll sein, offen gegenüber dem Rat Dritter zu bleiben. Wenn du etwa das erste Mal Schwammerl (Pilze) suchen gehst, solltest du wissen, welche genießbar und welche giftig sind.

Der Punkt ist, dass wir nie gelernt haben, glücklich zu sein und - um dir zuvorzukommen - dass das eine sehr persönliche, individuelle Sache ist. Dass wir nie gelernt haben, selbstbestimmt zu denken und zu handeln. Alles, was man uns beigebracht hat, ist, sich wie ein angepasster Zombie zu verhalten. Die Welt so zu sehen, wie sie alle sehen, nur damit es keinen Aufruhr gibt.

In diesem Sinne bist du sicher ein Außenseiter - und das ist gut so! Ich hoffe, das klingt jetzt nicht altklug: wenn Selbstbestimmtheit und Freiheit deine Wahl sind, dann blicke nicht zurück auf die anderen. Denn das könnte "übersensibilisieren" ... ;-)
bonanzaMARGOT - 27. Mai, 13:14

es ist nicht so, dass ich mir nichts sagen lasse.
ich habe große achtung vor menschen, die etwas drauf haben - auf einem fachgebiet, als mensch, als original -, die nicht nur rumschwätzen. es gibt so vieles, wo ich mich nicht auskenne, und wo ich selbstverständlich auf die fachkunde und die erfahrungen meiner mitmenschen angewiesen bin.
aber kann man glücklich sein lernen? was soll dabei rauskommen? menschen, die sich gegenseitig honig um den bart schmieren und vor lauter nettigkeit ineinander zerfließen? mir war es schon immer suspekt, wenn harmonie und einigkeit zelebriert werden - ganz egal ob in der kirche, in sekten, im sozialismus, oder wenn die kapitalistischen aasgeier ihre jünger in verkaufsseminaren zu sich rufen, um sie heiß zu machen: "geld ist geil", "wir huldigen dem gott, der umsatz heißt" ...
oder nehmen wir die krieger unserer zeit, die auf ihr land den fahneneid leisten, um sich mit juchhe und gloria verheizen zu lassen.
ja, im prinzip geht mich das alles nichts an. aber manchmal könnte ich kotzen bei so viel blöder einigkeit ... ich erinnere mich gut, wie es mich bereits als kind anekelte, wenn die erwachsenen im wohnzimmer zusammensaßen, und ich ihr klebriges lachen hörte, in ihre glasigen toten augen schaute; heute weiß ich, was mich störte: es ist die heuchelei, die oberflächlichkeit, die kleinkariertheit - ihr leben zwischen arztbesuchen, beruf, familie und dem gedanken an den fick mit der heißen nachbarin, der aber nie wahr wird.
kann man glücklichsein lernen? kann man gut ficken lernen? kann man lernen, gute gedichte zu schreiben? was wäre das für eine welt, in der man das lernen könnte? diese welt wäre so struntz langweilig wie ein katholischer gottesdienst oder der musikantenstadl. immerhin wären dann alle glücklich und könnten in ihr glückstagebuch schreiben:
- habe heute mein auto geputzt.
- war beim biobauern.
- abends sah ich "wer wird millionär".
- ich freue mich schon auf morgen, weil tante herta zum kaffeetrinken kommt
...
glück ist wahrlich eine individuelle sache - ebenso wie gerüche und geschmäcker. ich will z.b. gar nicht lernen, wie fliegen auf dem scheißhaufen glücklich sind.
Stefan (Gast) - 28. Mai, 08:49

In gewissem Sinne denke ich schon, dass man Glücklichsein oder Poesie lernen kann. Wir müssen nur die Art des Lernens differenzieren. Denn Lernen muss weder konformistisch sein noch Konformismus zur Folge haben.
Wenn du "Der Club der toten Dichter" kennst, dann denke an die Szene, in der der Englischlehrer John Keating seinen Schülern die streng konformistischen Lehrbücher zerreißen lässt, um in ihnen stattdessen die Sehnsucht nach Poesie, Fantasie und Individualität zu wecken. Bei ihm geht es nicht um Regeln, sondern um Freidenkertum.
(Das ist ja auch noch so ein Punkt: wir haben nie frei Denken gelernt, sondern nur das zu übernehmen, was vor uns schon gedacht wurde.)

Natürlich ist Glück eine individuelle Sache, aber eine, die durch Inspiration entfacht und gefördert werden kann.
bonanzaMARGOT - 28. Mai, 11:29

"club der toten dichter" - einer meiner lieblingsfilme.
im umfeld der schule heißt es "lernen", da geht es um leistung und noten. und lehrer müssen den lernstoff lehren, so ist der deal, denn damit verdienen sie ihr geld.
der englischlehrer im film versucht seinen schülern, lust an der poesie zu machen, indem er sie zu freiem denken ermutigt, indem er ihnen erklärt, worum es dabei geht: um liebe, abenteuer, tragik - lebendig sein, neues sehen und erleben, konventionen hinterfragen, tabus brechen ...
in diesem sinne gibt es nicht nur zweierlei sorten lehrer sondern auch zweierlei sorten dichter. die einen predigen und lehren stur nach lehrplan und betten sich nahtlos in die gesellschaftlichen konventionen und traditionen ein, während die anderen ausbrechen und diesen mief nicht mehr atmen wollen ...; ebenso lehnten sich damals die 68er gegen die heuchelei in der gesellschaft auf. leider muss jede generation wieder von neuem das erbe ihrer väter hinterfragen, kritisieren und sich sozusagen neu erfinden - selbst finden -; wenn sie das nicht macht, hat man nach wenigen jahrzehnten denselben mief in der gesellschaft, vielleicht etwas subtiler, und eventuell immer gefährlicher, weil immer weniger durchschaubar. es braucht schon einige sensibilität, um sich nicht von dem misthaufen einlullen zu lassen.
nein, ich würde dies nicht "lernen" nennen. es ist mehr das vermögen und das verlangen, dahinter zu sehen, die lust am hinterfragen der welt - der gesellschaft sowie dem universum überhaupt und gott. einige große dichter können dafür als vorbilder dienen, und manchmal findet man eines dieser vorbilder im wirklichen leben, wenn es z.b ein solch toller englischlehrer ist ...; ja, es gab zwei, drei lehrer(innen) an meinem gymnasium, die in diese richtung gingen. leider hatte ich die nur ein-zwei jahre.
danach traf ich in meinem leben zwar noch viele besondere menschen, originale und riesengroße arschlöcher, aber menschen, die diese gabe hatten, einen neugierig zu machen, die den raum mit leidenschaft und geist ausfüllten, denen man mit leuchtenden augen zuhörte, solche menschen begegneten mir leider nicht mehr (- vielleicht ansatzweise an der uni).
richtig lust am lesen bekam ich, wen wundert`s, erst nach dem abi.

stefan, frei denken ist etwas, was man sich selbst beibringen muss; und auch glück ist eine geschichte, die jeder für sich leben muss. tausend glücksseminare können dir nicht dabei helfen. das ist lediglich glücks-kosmetik.
Stefan (Gast) - 28. Mai, 12:11

Um frei denken (glücklich sein) zu können, musst du zuerst erkennen, dass du das bis jetzt nicht gemacht hast. Dazu kann Ermunterung, Inspiration, ein lebendes Beispiel oder ab und zu ein Schubs in eine neue Richtung ganz hilfreich sein. Man muss sich nicht alles über Schmerz und Leid selbst erarbeiten. Freilich, leben musst du deine Erkenntnisse dann selbst.

Übrigens: was hältst du davon, unseren Dialog später mal als Ratgeber-Buch herauszubringen ... :-)
bonanzaMARGOT - 28. Mai, 12:29

willst du mich ärgern? niemals will ich ein ratgeber sein. jeder mensch entscheidet selbständig, was er für sich gebrauchen kann und was nicht.
und erkenntnisse will ich auch niemandem aufdrücken. wer in einer anderen lebenswelt lebt, den werde ich sowieso nicht erreichen, und jene, welche sowieso bereits in dieselbe richtung denken, muss ich nicht mehr überzeugen oder schubsen.
mir geht es vielmehr darum, dass ich mich nicht beirren lasse. dazu brauche ich die reibungsflächen mit menschen, die ... scheinbar eine andere wahrnehmung der dinge haben.
kinder und jugendliche kann man noch führen, aber in erwachsene quadratschädel kommt man nicht mehr rein - außer man wäscht sie wie in orwells "1984". das wäre dann aber gerade das, was wir nicht wollen, oder?
gehirngewaschen sind wir schon genug mit allem möglichen blödsinn: nationalistisch, materialistisch, religiös, atheistisch, blödjanistisch ...
mit ein paar bier im kopf ist es für mich einigermaßen erträglich. außerdem ist etwas aufregung gut für die durchblutung.
Stefan (Gast) - 28. Mai, 13:31

War doch nur ein Scherz! Aber er scheint, dass dir bei diesem Thema wirklich nicht zum Scherzen zu Mute ist.
Werde mich jetzt für ein Weilchen ausklinken. Mach's gut - vielleicht schreibt man sich wieder! Alles Liebe, Stefan
bonanzaMARGOT - 28. Mai, 13:40

hm, dir auch alles gute, stefan. hat mich gefreut.
la-mamma - 21. Mai, 08:58

mir schmeckt das essen auch;-)

aber im ernst - mir reicht's eigentlich, wenn ich mir vor dem einschlafen alles vor augen hole, was am tag gut gelaufen ist. und nicht selten schlaf ich dann auch mit einem lächeln ein.

testsiegerin - 21. Mai, 11:39

ja, das glaub ich gern. und dein essen hat mir auch immer sehr geschmeckt.

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"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

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