(dürfen aber natürlich auch die noch mal lesen, die die Geschichte schon kennen)
„Jetzt ist er weggeflogen.”
Enttäuscht blickte Hubert dem Greifvogel hinterher und drückte die Kappe auf das Objektiv, während die Frau keuchend die kleine Plattform erreichte. Sie erkannte den Vorwurf in seinem Blick und sah ihn fragend an.
„Schwarzmilan.” Hubert war Werbetexter und sonst gar nicht wortkarg. Sonst war er auch nicht so leicht zu frustrieren.
„Isabell Würger. Tut mir leid, Herr Schwarz. Ich wusste ja nicht...”
„Ein Isabellwürger? Wo?“ Sofort steckte er die Kappe wieder in die Tasche und presste das Fernglas an seine Augen. „Im Juni 2002 hab ich einen gesehen, im Mühlviertel. Die sind sehr selten.“
Du bist auch ein seltener Vogel, dachte Isabell. Sie entschied sich für F69. Nicht näher bezeichnete Persönlichkeits- und Verhaltensstörung.
„Was immer Sie da jetzt suchen. Ich heiße so. Würger. Sie dürfen mich gern Isabell nennen.“
„Hubert.“ Er schüttelte ihre Hand. „Hubert Weiss.“
So, so. Aus Milan Schwarz wird mal eben Hubert Weiss. Isabell lugte vorsichtig nach hinten. Den Fluchtweg sichern. „Angenehm“, log sie.
„Poltern sie immer so laut einen Aussichtsturm hoch?“ Hubert war es offensichtlich auch nicht angenehm.
„Ich trainiere.“
„Für die Staatsmeisterschaft im Vögel-Vertreiben?“
Isabell stöhnte und wünschte sich weit weg. Nach Dubai, am liebsten. Dort könnte sie sich wesentlich effizienter auf den Treppenlauf vorbereiten als im Waldviertel. Die Hochhäuser hier waren dünn gesät.
„Für Niesen.“
„Ich verstehe. Sie rennen hier leicht bekleidet herum, holen sich eine Erkältung und werden das Niesen souverän gewinnen. Nehmen Sie auch am Husten teil?“
„Der Niesen. Das ist ein Berg in der Schweiz. Da gibt’s die längste Treppe der Welt. Aber Sie haben recht, ich hole mir noch eine Lungenentzündung hier oben. J18.0 übrigens.“
Hubert lächelte verständnisvoll. „Darf ich Ihnen eine Decke anbieten?“
„Ja, gern.“ Der war offensichtlich doch harmlos. „Sie fotografieren Vögel?“
„Nein, ich beobachte sie nur. Früher war ich Hobbyornithologe. Heute nennen sie uns Birder. Das Tier, das sie mir verscheucht haben, war ein Schwarzmilan. Hier ausgesprochen selten. Noch seltener ist allerdings der Isabellwürger.“
Sie schaute erstaunt. „So einen Vogel gibt es wirklich?“
„Der Würger ist kein Mörder, erfreut das Herz vom Birder. Entschuldigen Sie“, er grinste verlegen. „Und Sie? Warum trainieren Sie ausgerechnet hier für Ihren Treppenlauf? War Ihnen New York zu langweilig?“
„Ich habe beim Pokern verloren.“
„Klar.“ Die Frau war nicht ganz dicht.
„Ich verreise immer gemeinsam mit meiner Freundin“, erklärte sie. „Ich wollte nach Dubai. Aber sie hat gewonnen. Sie gewinnt immer.“
„Vermutlich schummelt sie.“
Isabell lachte. „Ja, aber nicht immer zu ihrem Nutzen. Sie hat mal ein Rendezvous mit einem Mann gewonnen. Und deshalb ist sie jetzt geschieden und will nicht nach Dubai. Der Kerl war Araber.“
„Pssst.“ Er legte seinen Zeigefinger über die Lippen und beugte sich zu ihr. „Horchen Sie mal.“
Sie hörte nur ihr Herz klopfen.
„Halten Sie Ihr Goldkettchen fest“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Warum?“, hauchte sie zurück. „Kommt der Würger?“
„Nicht der Würger. Der Halsbandschnäpper.“
„Meine Güte, ich komm mir vor wie in einem Edgar Wallace-Film. Sind Sie etwa der Frosch mit der Maske?“
„Sehr witzig.“ Hubert verzog beleidigt das Gesicht.
„Beschäftigen Sie sich beruflich mit Vögeln?“, versuchte Isabell die Situation zu retten und trat ins nächsten Fettnäpfchen.
„Wäre ich ein plumper, etwas einfältiger Kerl würde ich jetzt mit, nein, das ist mein Hobby, antworten. Bin ich aber nicht. Deshalb übergehe ich diese Ihre Frage souverän.“
„Danke.“
„Bitte.“
Sie schwiegen.
Ich sollte ihm die Decke zurückgeben und zum Campingplatz laufen, dachte sie. Dort würde sie gegen ihre Freundin beim Pokern verlieren und zum vierten Mal in dieser Woche das Essen bezahlen.
Ich sollte die Sache mit dem Schwarzmilan für heute vergessen, dachte er. Nach Wien zurückfahren, ein paar dämliche Werbetexte für Schokokekse schreiben und mir einen guten Film anschauen.
Während sie so dachten, standen sie unbeweglich auf der Plattform. Es dämmerte.
„Darf ich mal?“ Sie deutete auf das Fernglas.
Er reichte es ihr.
Zunächst sah sie gar nichts. Wenig später ein bisschen verschwommenen Himmel. Dann viele Bäume, die langsam schärfer wurden. Plötzlich hielt sie inne.
„Was sehen Sie?“, flüsterte er.
„Still!“, zischte sie und er gehorchte.
Die Frau, die sie im Objektiv hatte, trug Rot. Lehnte am Baum und lachte. Erstarrte im nächsten Moment. Hände, die ein Stück Seil umklammerten. Es gegen den Hals der Frau drückten. Isabell wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Sie schwenkte das Fernglas nach links. Eine schwarze Lederjacke. Blaue Augen, die jetzt direkt zu ihr schauten.
Das Fernglas rutschte ihr aus den schweißnassen Händen und landete im hohen Gras. „Schnell.“ Sie zerrte an seiner Jacke. „Ducken Sie sich. Er hat uns entdeckt!“
„Spinnen Sie?“, herrschte er sie an, so leise, wie er konnte. „Wissen Sie, was das gekostet hat?“
„Ich hab ihn gesehen“, stammelte sie.
„Wen haben Sie gesehen?“
„Den Würger.“
„Oh Gott! Beschreiben Sie ihn!“ Er hatte keine Zeit, sich über ihre Ornithologiekenntnisse zu wundern.
„Er ...“, stotterte sie „..blaue Augen. Eine Glatze.“
Er hatte auch keine Zeit, sich über ihre psychische Verfassung zu wundern. „Das kann nicht sein. Der Kahlkopfwürger lebt nur auf Borneo.“ Fassungslos schüttelte er den Kopf.
„Kein Vogel, Sie Idiot!“, presste sie hervor. „Ein Mörder! Ein richtiger Mörder.“
Isabell klammerte sich an ihn.
Sie ist verrückt, dachte Hubert und löste sich von ihr. Sie ist übergeschnappt. Ich hätte es ahnen können. Wer läuft schon freiwillig Treppen hoch? Noch dazu im Waldviertel.
„So schauen Sie doch selbst!“, flehte sie ihn an.
„Das geht nicht. Sie haben soeben mein Glas über Bord geschmissen.“ Er schlich nach unten, kämpfte sich auf allen Vieren leise durchs hohe Gras, fand sein Fernglas wieder und kletterte wieder auf die Ausichtsplattform.
„Da ist eine Lichtung." Sehen Sie die? Und ein paar Birken.“
Er sah die Lichtung. Er sah die Birken. Aber er sah keine Leiche. Nur ein Eichkätzchen sah er. Er wandte seinen Blick zu Isabell. Ihre Augen waren starr. Hubert war kein ängstlicher Mensch, aber jetzt war auch ihm etwas mulmig zumute.
Sie riss ihm das Fernglas aus der Hand. Fand die Stelle. Kein Rot. Kein Glatzkopf. Keine Tote. Kein Seil.
„Aber ... Aber ich hab’s doch genau gesehen. Vielleicht hat er sie verscharrt.“
„In sieben Minuten? Meinen Sie, er trainiert für die Europameisterschaft im Leichenvergraben?“ Er holte den Flachmann aus seiner Brusttasche und reichte ihn ihr. „Hier. Beruhigen Sie sich erstmal. Und dann gehen Sie dorthin, wo Sie hergekommen sind. Die Decke können Sie behalten.“ Und gleich morgen gehen Sie zum Psychiater, hätte er gerne noch hinzugefügt.
Sie trank. Vielleicht bin ich verrückt, dachte sie. Erkrankung aus dem Schizophrenen Formenkreis, vielleicht hab ich das. Die zugehörige Zahl fiel ihr nicht ein. Isabell tippte bei der Krankenkasse Diagnosen in den Computer, da gingen viele Krankengeschichten durch ihre Hände. Unter anderem solche von Menschen, die tote Kinder im Keller sahen, oder der Nachbarn auf dem Dachboden. Sie halluzinierte. Sah Leichen, wo gar keine waren. Was würde ihre Mutter sagen, wenn sie eine Karte aus der Psychiatrie schrieb? Ob es dort ausreichend Treppen gab? Mit wem und worum würde ihre Freundin ohne sie pokern?
„Ich kann nicht gehen.“ Trotz Decke bibberte sie. „Er hat mich gesehen. Er wird mich auch töten.“
Er tätschelte ihren Kopf, wie eine Mutter den Kopf ihres Kindes tätschelte, das sie trösten wollte, aber nicht ernst nahm. „Ist schon gut. Ich bringe Sie dann zurück. Aber ein bisschen mag ich gerne noch schauen.“
Sie nickte, kuschelte sich fester in die Decke und trank die Flasche leer. Hin und wieder wurde sie von Weinkrämpfen geschüttelt, was Hubert hilflos machte. Irgendwann schlief sie ein.
„Oh Gott!“ rief er und schüttelte sie."Schauen Sie mal!"
„Was ist da?“ fragte sie benommen, bevor die Erinnerung zurückkehrte. Er drückte ihr das Fernglas in die Hand. "Dort drüben, bei den Eichen. Sehen Sie den roten Fleck?"
Plötzlich war sie hellwach. "Die tote Frau?"
„Ach was, Sie schon wieder mit Ihren Leichen. Viel aufregender. Ein Rotmilan.“
testsiegerin - 1. Jun, 21:57
Erst sag ich selber ein paar Worte zum gestrigen Tag, dann lass ich jemand anderen sprechen, weil Eigenlob ja müffelt.
Den ganzen Vormittag hab ich geredet und um Sätze gefeilscht (Arbeitsgruppe Handbuch für Ehrenamtliche). Den ganzen Nachmittag hab ich neue Ehrenamtliche in Sachen medizinische Behandlung und Sachwalterschaft geschult. Viel geredet halt.
Im Auto nach Wien hab ich auch nicht geschwiegen, weil ich erst ein bissl runter kommen musste nach der Schulung und ein bissl Sorge gehabt, ob meine Stimme das eh aushält. Und in der Zypresse hatte in dann Angst, ob das Lamm hält. Also, ob es noch Lamm gibt nach der Lesung, weil ich vorher nichts essen kann. "Es gibt Lamm" hat Lamamma gesagt und mir wohlige Schauer in den Bauch gejagt.
Total liebe Leute waren da. Welche, die ich schon kannte, und welche, die ich erst kennenlernen muss.
Ein bissl Bauchweh hatte ich. Nicht nur wegen des Hungers, sondern auch, weil es oft schwerer ist, vor Freunden zu lesen als vor Feinden... ähm... Fremden. Und weil ich ja nicht wollte, dass danach irgendjemand zu Lamamma sagt: Wo hast du diese Tussi denn her? Das war ja schrecklich!
Und dann hab ich gelesen. Trotz Hunger und Bauchweh. Und Eleonore hat gesungen. Und wie so oft, wenn sie singt, hab ich eine Gänsehaut gekriegt. Und mich fallen lassen. In ihre Lieder. In meine Texte. Und jetzt lass ich den Steppenhund (der Mann, der aus einer Blase besteht) reden.
steppenhund (Gast) - 29. Mai, 01:16
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Tja, alle selber schuld, die keine Zeit haben oder zu
weit weg wohnen. Das war ein äußerst stimmungsvoller Abend. Als ich als erster in das Lokal kam und erfuhr, dass die Lesung im Hauptraum statt fände, war ich verwundert, weil mir das Lokal doch sehr klein vor kam. Doch als dann der Reihe nach alle ein trudelten und das Lokal uns gehörte, ging es sich wunderbar aus.
Die Lammkeule gab es noch vor der Lesung, was eine gute Basis für entspanntes Zuhören ergab.
Und jetzt kommen zwei Kritiken:
Eleonore:
Ich höre ihr gern zu. Sie singt sooo richtig. Manchmal entschuldigt sie sich während des Singens, weil ihr ein Ton gerade nicht gelingt oder sie die selbst gedichtete Hymne an die beiden Protagonistinnen B und M nicht lesen kann. Doch wenn sie "over the rainbow" intoniert, passt jeder Ton in Ausdruck, Stimmlage und Dynamik. Und die Emotionalität, die sie in den Song hineinlegt, klingt echt und berührt.
Sie involviert die Zuhörer und bringt sie zum Mitmachen und es kann mich verwundern, wie rhythmisch richtig dann mit gegluckst, mit geschischt oder noimmadoiert wird. Fad kann einem auch schon deswegen nicht werden, weil jede Musiknummer mit einem anderen Instrument gebracht wird, das schließt auch "kein Instrument" ein, wenn sie a capella singt.
Doch das ist alles viel zu eklektisch. Besser beschreibt es vermutlich der erste Satz: "Ich hörer ihr gerne zu."
Barbara:
Ich weiß nicht mehr, wie lange es her ist, dass ich sie das erste Mal bei einer Lesung erlebt habe. Mir fällt auf, dass sie gehörig an Selbstsicherheit gewonnen hat. Das waren zwar alles Freunde oder Freunde von Freunden (oder Freunde von Freundinnen, oder ... (weitere Gendervariationen bitte selbstständig ergänzen)), doch man merkt schon eine Selbstsicherheit, die zu recht vermutlich von den bereits früher stattgefundenen Lesungen her rührt. Ihre Geschichten regen ja schon beim Lesen zum Schmunzeln oder auch zur Besinnlichkeit an, doch vorgetragen wirken sie noch besser, stärker und die Situationen können besser visualisiert werden. Auch wenn ich die Geschichte vom Herwig Steiner schon gelesen hatte, habe ich mich aufs Neue köstlichst amüsiert.
Die abschließende Geschichte über den schweigsamen Heinz, der fast ein Bauer mit wirklichem Hochschulabschluss ist, hätte ich vor zwanzig Jahren schon kennen sollen. Dann hätte ich die Frauen besser verstanden. Die Wechselrede (nachdem vorher die Leere des Kühlschranks beschrieben wurde): "Hast Du gar kein Fleisch im Haus?" - "Doch, das schält gerade einen Hokkaido." die muss einer erst einmal einfallen. Insgesamt ist die Geschichte so verfasst, dass ich mich mit dem männlichen Protagonisten ja leider gar nicht identifizieren kann. Doch beim Folgen der Leserin in die immer dichter werdende Atmosphäre laufen bei mir die Erinnerungen an Bestehendes vorbei, die Aktionen, bei denen sich diese spontane und rasche Verdichtung bis hin zur Zweisamkeit eingestellt hat. Die Geschichte erinnert mich auch an das Bedauern, dass sich bei mir manchmal bei Bekannten einstellt, bei denen ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass aufgrund einer momentanen "Zufälligkeit" die Zukunft für einen Augenblick oder für Stunden oder für Tage komplett aus den Augen verloren wird. Ich habe gelesen, dass Frauen etwas bedauern, was sie nicht gemacht haben, während Männer die verpassten Gelegenheiten bedauern.
Nun, diese Frau hat die Gelegenheit nicht verpasst und da scheint auch nichts zum Bereuen dabei gewesen zu sein.
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Damit komme ich zum Schluss. Zu bedauern sind die, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht dabei sein konnten. Ihr könnt aber die Geschichten vom Herwig Steiner und auch andere direkt von Barbara bestellen und kaufen. Das richtet sich insbesonders an die Frankfurter Freunde:)
testsiegerin - 29. Mai, 20:18
Das ist Laila. Sie hat eine dicke Backe. Sie ist ein Lama. Liebenswert, ein bisschen stur, aber ausgesprochen gutmütig und wollig weich.
Das sind Laila und Inka. Eine von beiden hat eine dicke Backe. Die andere ist ein bisschen sturer.
Das sind Laila und die Testsiegerin. Es war Liebe auf den ersten Blick. (Nicht nur wegen des gleichen Kopfschmucks.) Zumindest von meiner Seite. Laila ist ein bisschen wie die Testsiegerin. Liebenswert, ein bisschen stur, aber gutmütig, und wollig weich. Wolliger als ich.
Scheinbares Bezugswissen, die Quantenphysik und Diskussionen übers Glück waren mir dieses Wochenende egal, weil ich nämlich einfach glücklich war. Da waren Lamas, da waren Wölfe, da waren Hasen, da waren Hunde, da waren Rindlandviecher, da sind Katzen, da waren Riesenmühlenbrote, Rindsschnitzel, Rhabarberkuchen, Lachs-Mozarella-Röllchen, da war Prosecco, da war Natur, da war Lachen, da war Nähe, da war Sonne, da war Regen, da war lebendiges Leben. Da waren Menschen, die ich sehr mag. Da war Glück. Ganz viel Glück. Ob mit oder ohne Glückstagebuch ist eigentlich egal.
Und auch wenn ich das alles genieße und aufsauge und mich lebendig fühle und jung, oberflächlich bin ich deshalb noch lange nicht. Ich werde weder die Wirtschaftskrise bekämpfen noch den Ölteppich aufsaugen können (aber ich hab meine Wohnung gesaugt, das konnte ich). Was ich kann ist, den Menschen rund um mich Wärme zu geben und was zu Essen. Das mag ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Aber es ist, was es ist.
testsiegerin - 24. Mai, 22:27
Ich beschäftige mich ja grad sehr mit dem Glück, habe unzählige Glücksstudien und Forschungsergebnisse gelesen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Glück etwas sehr subjektives ist und stark mit unseren ureigenen Werten und Lebensmotiven zu tun hat und bin Glückstipps und Verallgemeinerungen gegenüber skeptisch. Neugierig und zum Teil fasziniert bin ich von den Ergebnissen zum Teil trotzdem.
So hat der italienische Psychiater Giovanno Fava depressiven PatientInnen empfohlen, ein Glückstagebuch zu führen. Jeden Abend sollten sie drei bis fünf Dinge aufschreiben, die sie zufrieden oder glücklich gemacht haben.
Klingt lächerlich, ich weiß, ist es vielleicht auch. Die Studie hat gezeigt, dass depressive Patienten nach zehn Wochen deutlich weniger Angst hatten, ihre Niedergeschlagenheit hatte sich stark gebessert. Ohne Antidepressiva, nur indem sie schöne Momente auch als solche wahrnehmen und bewusster und sinnlicher durch den Alltag gehen. (Und das hat für mich nichts damit zu tun, die Ölpest und die Wirtschaftskrise zu verleugnen und Probleme zu verdrängen. Es geht lediglich auf den Fokus.)
Ja, auf jeden Fall bin ich – wie gesagt, ein neugieriger Mensch. Also habe ich angefangen, Glückstagebuch zu schreiben. Wenns nicht hilft, dann wird es wohl zumindest nicht schaden. Und wenn ich jetzt so nachschaue, was ich in den letzten Wochen aufgeschrieben habe, dann bin ich entsetzt.
Mittwoch
• Krautfleckerl gekocht und gegessen
• trainiert
• Großmutters Germguglhupf gebacken
Donnerstag
• Frühstück mit S., schön und lecker!
• Mittagessen beim Italiener mit Frau Dr. Blubb, danach mit ihr im Café Central Melange und heiße Schokolade getrunken
• mit M. Fußball geschaut und danach im Theater
Freitag
• Lachsfrühstück im Büro
• es gibt Lamm
• fleißig trainert und gut geschwitzt
• Zotter-Schokolade
Ja, so geht’s dahin. Kochen, Essen und Trainieren machen mich glücklich. Am glücklichsten mit Menschen, die mir wichtig sind. Und ich ertappe mich untertags beim Gedanken: Das ist jetzt schön, das muss ich mir unbedingt merken und heute Abend ins Glückstagebuch schreiben.
Gesternabend hab ich was besonders schönes reingeschrieben. Etwas, das ausnahmsweise nichts mit Essen zu tun hat.
E. hat mich angerufen. Ein schönes und offenes Gespräch, das mich berührt hat.
Zurück zu den Glücksstudien. Was viele Menschen noch glücklich macht, sind Singen, Tanzen und ehrenamtliches Engagement. Und die Fähigkeit, dankbar zu sein.
Ich bin grad sehr dankbar.
testsiegerin - 19. Mai, 20:37
Kennt ihr das?
Man ist gut gelaunt, durchtrainiert, frisch geduscht, erhitzt und trinkt die erste Melange des Tages. Man sagt flapsig etwas dahin, völlig ohne Hintergedanken, oder wenn mit Hintergedanken, dann mit freundlichnettennichtsböseswollenden Hintergedanken. Und plötzlich – patsch – kriegt man eine Watschn. Nur verbal natürlich, man ist schließlich kultiviert und gesittet.
Man weiß überhaupt nicht, wieso die andere Person zugeschlagen hat. Der Kaffee vermischt sich mit Schuldgefühlen, Ohnmacht und Ratlosigkeit. Vielleicht hat man die Watschn ja verdient, denkt man. Hat man ja in der Kindheit oft genug gehört, wenn man unschuldig eine bekommen hat. „Die hast du schon verdient“ oder rückblickend „wird dir nicht geschadet haben.“ Vielleicht hat man sein Gegenüber unabsichtlich verletzt oder provziert.
Plötzlich fühlt man sich wieder in die Kindheit zurückversetzt. Schafft es nicht, erwachsen zu reagieren und zu sagen: „Dein Tonfall hat mich jetzt verletzt“ oder „wieso redest du so mit mir?“ oder „bitte nicht in diesem Ton.“
Man sitzt nur da, wie ein begossenes Pudeljunges. Nach außen hin bewahrt man die Contenance, natürlich, man lächelt souverän, nippt am Kaffee und lässt sich nicht anmerken, dass man innerlich verstört, gekränkt und gelähmt ist.
Der Kaffee schmeckt nicht mehr, die Energie des fitten Morgens verflüchtigt sich und die Kälte von draußen kriecht Hand in Hand mit den Regenwolken nach drinnen.
Kurz denkt man: Ich allein entscheide, wer mich verletzen darf, und ich entscheide, ob ich mich verletzt fühle und wenn ja, wie ich mit dieser Verletzung umgehe. Ja, man ist geschult mit positiver Psychologie und der Kraft der positiven Gedanken, aber die finden nicht den Weg in den Bauch.
Ach, wäre ich nur wie der Zen-Meister dieser kleinen Geschichte. Oder wenigstens seine Schülerin.
Sein Problem
Ein Zen-Meister ging einmal auf einer Straße entlang. Da kam ein Mann daher und schlug heftig auf ihn ein. Der Meister fiel zu Boden. Dann stand er wieder auf und ging in der gleichen Richtung weiter, er schaute nicht einmal zurück!
Ein Schüler begleitete den Meister. Er war ganz einfach schockiert. Er sagte: "Wer ist dieser Mann? Was soll das bedeuten? Wenn du auf diese Art lebst, dann kann jeder daherkommen und dich töten. Und du hast nicht einmal geschaut, wer dieser Mann war und warum er das getan hat!"
Der Meister sagte: "Das war sein Problem, nicht meins."
testsiegerin - 16. Mai, 16:09
Als ich gestern gegen Mitternacht aus dem Theater (Berlin, Alexanderplatz im Theater Spielraum - sehr empfehlenswert!) nach Hause gekommen bin, war dieses Mail von meinem Sohn in meiner Box. Und ich gerührt.
Hallo Mama.
Hab heute die Buntwäsche gewaschen und aufgehängt. Die
Waschmaschine mit der schwarzen die drehst du nicht auf, das mache ich morgen am Abend. Da kommt mein Arbeitsgewand und eventuell deine Sachen vom Fitnesscenter, falls du keine Ausbildung hast, dazu. Bis morgen am Nachmittag oder wann du halt heimkommst.
Gute Nacht.
testsiegerin - 14. Mai, 18:12
„Ich dachte, Sie wollten ins Heim, Frau Kurz? Warum waren Sie dann eine halbe Stunde später wieder zu Hause?“
„Die haben mich ausgetrickst, diese Betrüger.“ Frieda Kurz sucht ihre Brille. Frieda sucht ständig ihre Brille. Wenn sie nicht ihre Brille sucht, sucht sie etwas anderes. „Der Direktor vom Heim hat gesagt, ich krieg ein Einzelzimmer. Aber da war kein Einzelzimmer. Also bin ich wieder nach Hause gegangen. Das können die mit jemand anderem machen, nicht mit mir.“
Emma Rogner nickt. Mit mir auch nicht, denkt sie. „Das war sehr konsequent von Ihnen, Frau Kurz.“
„Die Hedi, meine Freundin, die war im Heim. Die hatte ein hübsches Einzelzimmer mit vielen Bildern an den Wänden und einem Balkon. Wenn Sie so eines für mich auftreiben, dann geh ich wieder hin.“
„Ich werde mich bemühen, Frau Kurz, aber versprechen kann ich nichts. Die Wartezeiten sind sehr lang.“
„Ja, ja“, sagt Frieda, „dann wart ich halt daheim auf den Tod.“ Sie steht auf und öffnet mit ihren knöchernen Fingern eine Schublade nach der anderen. „Das muss doch irgendwo sein.“
„Kann ich Ihnen helfen? Was suchen Sie denn überhaupt, Frau Kurz?“
„Sie geben die Finger da weg, aber schnell. Wer sind Sie überhaupt?“
Emma erklärt ihr, wer sie ist und was ihre Aufgabe ist. Aufs Geld aufpassen und dafür sorgen, dass die Versicherung gezahlt wird und die Heimhelferinnen kommen und Frieda ihr Leben nach ihren Wünschen und Bedürfnissen lebt. Nach Möglichkeit.
„Das hat die Trixi auch gemacht“, sagt Frieda, „sich um alles gekümmert. Aber die Trixi kommt nicht mehr.“
Ich weiß, denkt Emma Rogner. Trixi ist Friedas Enkeltochter und hat irgendwann keine Lust mehr gehabt, sich beschimpfen, beleidigen und beschuldigen zu lassen.
„Sind Sie jetzt meine neue Trixi?“, will Frieda wissen und tätschelt Emmas Hand. Dann sucht sie wieder. Diesmal das Radio. Sie findet aber nur eine Unterhose. In der Lade mit den Papieren.
„Nun ja... Ich heiße Emma Rogner, nicht Trixi.“ Als Profi tat es zwar nicht so weh sich kränken zu lassen wie als Enkeltochter, aber angenehm war es trotzdem nicht. Frieda sucht das Sparbuch, findet es und reicht es Emma. „Hier, für Sie “, sagt sie, „passen Sie gut drauf auf, meine neue Trixi.“
„War der Gutachter wegen des Pflegegeldes heute da?“
„Ein unangenehmer Mensch, dieser Arzt. Er hat mich mit Fragen durchlöchert wie eine Maschinenpistole. Mit indiskreten und unanständigen Fragen, verstehen Sie? Ob ich noch kochen kann und wer meine Wäsche wäscht. Das geht doch ein Mannsbild nichts an.“
Emmas Diensthandy klingelt. Der Gutachter ist dran. Verantwortungslos wäre es, die Frau so leben zu lassen, zürnt er. Wie Emma das zulassen könne. Die Frau gehöre schleunigst ins Heim.
„Da ist aber kein Einzelzimmer frei“, meint Emma lapidar.
Der Arzt redet sich in Rage. Die arme Frau könne stürzen und sich den Oberschenkel brechen. Oder vergessen, den Herd abzudrehen oder sonst irgendwie zu Tode kommen.
Tatsächlich ein unangenehmer Mensch, denkt Emma. Frieda hat eine wunderbare Menschenkenntnis. „Ja, Sie haben Recht, Herr Doktor. Das Leben ist in der Tat furchtbar lebensgefährlich “, sagt Emma, „da kann es schon mal passieren, dass man im Alter von 93 stirbt. Oder mit vierzig von einem Dachziegel erschlagen wird. Gehen Sie heute also besser nicht mehr raus.“
Aus dem Zürnen wird ein Brüllen. „Was erlauben Sie sich“, tönt es aus dem Handy, „das wird Konsequenzen haben.“
„Entschuldigung“, schreit Emma ins Telefon und zwinkert Frieda zu, „der Empfang ist hier ganz schlecht. Rufen Sie mich in ein paar Monaten wieder an.“
„Ich komm nächste Woche wieder, Frau Kurz“, sagt sie zu ihrer Klientin und steckt das Sparbuch in die Tasche, „machen wir es so: Ich pass gut auf Ihr Sparbuch auf und Sie passen gut auf sich auf, ja?“
testsiegerin - 11. Mai, 21:24
„Ja. Ich kümmere mich drum. Sobald ich kann. Ja. Wiederhören.“
Sie stellte das Telefon zurück in die Ladestation. Ich kann aber sobald nicht, dachte sie. Das Kümmern wuchs ihr in letzter Zeit oft über den Kopf. Sie hätte sich auch gern manches Mal in so eine Ladestation gelegt. Schon fast halb zwei. Wenn sie jetzt keine Mittagspause machte, dann konnte sie auch ganz darauf verzichten. Ihr Magen knurrte. Ihre Nerven bellten. Und ihre Lendenwirbelsäule biss zu.
„Ich bin in zwei Stunden zurück“, sagte sie zu ihrer Sekretärin, „vielleicht“. Sie spürte das Prickeln in ihrer eigenen Stimme. So etwas Ungehöriges hatte sie in den letzten 40 Arbeitsjahren nicht gesagt.
Die Sekretärin starrte sie an, als hätte sie eben verkündet, auf den Mars zu fliegen. „Gut. Wenn etwas wirklich dringend und wichtig ist, ruf ich Sie am Handy an.“ Immerhin konnte sie endlich zwischen wichtig und dringend und wirklich wichtig und wirklich dringend unterscheiden.
„Nein, das werden Sie nicht tun.“ Das machte ja richtig Spaß.
„Tschuldigung, Frau Inspektor. Guten Appetit.“
Noch zwei Jahre sollte sie durchhalten. Noch zwei Jahre Kümmern. Wann hatte sich eigentlich zuletzt jemand um sie gekümmert? Kümmerte sie sich überhaupt genug um sich selbst? Jetzt helfe ich mir selbst, so hieß das kleine Büchlein, das sie sich gekauft hatte, als sie noch den alten hellblauen Käfer fuhr. Heute fuhr sie einen schwarzen Chrysler Cherokee, gebraucht zwar, aber er funktionierte tadellos. In ihrem Leben war alles Second Hand, die Kleidung, der Ehemann, die Kinder und eben das Auto.
Damals, mit dem hellblauen Käfer, hatten noch reihenweise Autofahrer angehalten, wenn sie am Straßenrand liegen geblieben war. Nun hatte sie seit zwanzig Jahren nicht mal mehr eine Panne gehabt. Früher war überhaupt alles besser. Früher war alles früher. Ganz in Gedanken lief sie gedankenlos durch die Fußgängerzone.
„Eine Sushi-Bento-Box bitte, mit Miso-Suppe und...“ Sie biss sich auf die Lippen. Verdammt. Sie war in dem Wäscheladen neben dem Japaner. Sie lachte laut und verlegen. „War nur ein Scherz.“
Sie deutete auf die Unterwäsche, die auf dem Ständer mit der Aufschrift „Angebot des Monats“ hing. „Die ist hübsch. Die nehm ich.“
„Wild Tiger. Die freche Kombination aus Animalprint und samtigem Petrol, sowie der hauchzarte, leicht transparente Tüll machen dieses Modell zu einem absoluten Hingucker, Frau Inspektor. Das gefällt der Frau Tochter bestimmt. Soll ich es als Geschenk einpacken?“
Frau Tochter? Hatte diese Tussi tatsächlich Frau Tochter gesagt? „Danke, ganz lieb, aber ich denke, ich werde sie gleich anlassen.“ Sie griff sich den Kleiderhaken und stolzierte zur Umkleidekabine.
„Warten Sie. Diese Unterwäsche ist von der Anprobe ausgenommen. Sie wissen schon. Wegen der Hygiene.“ Die Verkäuferin sprang ihr wie ein Panther hinterher, aber die wilde Tigerin war längst hinter dem Schutz des Vorhanges verschwunden.
„Keine Sorge. Ich bade jeden Samstag. Und heut ist ja erst Mittwoch.“
„So hab ich das nicht gemeint, Frau Inspektor.“
„Nicht so? Wie dann? Sorgen Sie sich um meine Gesundheit? Seh ich so gebrechlich aus? Mit den paar Filzläusen in Ihrem Höschen werde ich schon noch fertig.“ Mit Läusen war sie auch im Schuldienst immer wieder konfrontiert und fertig geworden.
„Reden Sie mit mir?“, fragte eine warme Männerstimme mit südosteuropäischem Akzent.
„Aber gern“, sagte sie durch den dunkelroten Stoffvorhang, „warum nicht? Worüber möchten Sie denn reden?“ Sie war es gewohnt, dass Menschen ihr die Herzen ausschütteten und Lösungen von ihr erwarteten. Hilflose und überforderte Schuldirektoren, Lehrerinnen, Eltern und Schüler. Keiner ahnte, dass sie sich selbst oft hilflos und überfordert fühlte. Jetzt zum Beispiel mit dem Verschluss des BHs.
Irgendwie schaffte sie aber doch, das Häkchen in die Öse zu fädeln, schaute in den Spiegel und drehte sich ins Profil. Kein Mann war so blöd und drehte sich vor dem Spiegel ins Profil um seine Problemzonen besser sehen zu können. Frauen verglichen sich mit perfekt retouchierten Frauen in Frauenzeitschriften, Männer mit birnenförmigen Kollegen in der Sauna. Deren Leben war eindeutig einfacher.
Sie drehte sich auf die andere Seite. Mit ihrer Figur war sie halbwegs zufrieden, bis auf ein paar Dellen und Falten, die das Leben ihr auf den Leib geschneidert hatte.
„Ich dachte, Sie wollten mit mir reden?“, erinnerte sie sich an den Mann auf der anderen Seite des Vorhangs.
„Ah ja. Ich bin auf der Suche nach einem Muttertagsgeschenk. Für meine Mutter.“
„Wie originell. Nehmen Sie doch auch Wild Tiger, ist grad im Angebot. Die samtige, hauchzarte Animalprintkombination und transparenter Petroltüll machen dieses Modell zu einem absoluten Hingucker“, äffte sie die Verkäuferin nach, die sich gekränkt zurückzog.
„Darf ich denn hingucken?“ fragte der Mann.
„Nicht einmal dran denken.“
„Und wenn ich doch dran denke?“
„Selber schuld. Vielleicht bin ich achtzig und habe 150 Kilo?“
„Sicher nicht. Wild Tiger gibt es nur bis Größe 40. Vielleicht sind Sie dreißig und haben langes, blondes Haar.“
„Vielleicht habe ich kurzes Haar und bin sechzig.“
„Vielleicht. Haben Sie ein Problem mit Ihrem Alter?“
„Manchmal. In der Früh brauche ich immer länger, um mich zu entfalten und die Visitenkarten haben mittlerweile die Größe eines Aktenordners.“
„Darf ich jetzt endlich schauen?“
„Moment noch.“ Sie zippte den Reißverschluss ihrer Hose zu und stopfte die getragene Unterwäsche in ihre Tasche. „So, jetzt.“
Er zog den Vorhang zur Seite. „Sehr schön“, sagte er.
„Sie kenn ich doch!“ rief sie aus.
„So? Sie kennen mich?“ Er lächelte, und sein Lächeln war hinreißend. Sein muskulöser Körper auch.
In ihrem Hirn begann es zu rattern – und nicht nur da. Kannte sie ihn aus der Kantine? Ein Beamter der Sozialabteilung, vielleicht, oder der Vater einer Schülerin. Vielleicht war es ein neuer Lehrer? Ein Religionslehrer, das waren oft die attraktivsten. Vielleicht sogar ein angehender Priester, für die Damenwelt unrettbar verloren, zumindest offiziell.
„Natürlich kenn ich Sie.“ Zu spät. Jetzt konnte sie ihn nicht mehr fragen, woher. Jetzt musste sie so tun, als wüsste sie, wer er war. Dabei hatte sie keine Ahnung. Das passierte ihr in letzter Zeit immer öfter.
„Vermutlich denken Sie, dass ich täglich wildfremde Frauen in aufregender Unterwäsche sehe. Aber das stimmt nicht.“
„Natürlich nicht. Sie sehen bestimmt lieber aufregende Frauen in wildfremder Unterwäsche.“ Religionslehrer war er also nicht.
„Auch das nicht. Aber ich sehe täglich verschwitzte Männer in verschmutzter Unterwäsche.“
Sie überlegte. War er etwa einer der Pfleger aus dem Seniorenheim, in dem Onkel Albert seine letzten Tage fristete? „Ich heiße Inge“, sagte sie, um Zeit und wertvolle Informationen zu gewinnen.
„Ivica“, sagte er, „meine Freunde nennen mich Ivo.“ Sie kramte in der riesigen Schublade ihres Gedächtnisses. Ivica. Das half ihr nicht wirklich weiter.
Inge bezahlte die Unterwäsche. Ivo verhielt sich wie ein richtiger Mann und entschied sich für Gutscheinmünzen für die Frau Mama.
Sie verließen den Laden und spazierten durch die Fußgängerzone. Sie fühlte sich gut, mit der schönen Wäsche am Körper und dem schönen Mann an der Seite. „Sie sind verdammt durchtrainiert.“
„Jo. Man bezahlt mich dafür“, sagte er.
Alles klar. Er unterrichtete Sport. Er schien ein beliebter Lehrer zu sein, denn etliche Jungs blieben stehen und wollten ein Autogramm von ihm.
Leider konnte sie das Gekritzel nicht lesen. Und leider wurde sie vom Gutfühlen und der neuen Unterwäsche auch nicht satt. Ihr Magen brachte sich mit einem lauten Knurren in Erinnerung.
„Oh. Höre ich da den wilden Tiger in Ihnen?“
„Sozusagen. Würden Sie mir bitte helfen irgendwo ein hilfloses Kalb zu reißen?“
„Wie stellen sie sich das vor? Soll ich dem armen Tier von hinten in die Hacken grätschen? Dafür gibt’s glatt Rot“
„Dann schlagen Sie halt was anderes vor. Oder laden Sie mich ein.“
„Gern, da vorn ist ein Würstelstand.“
Sushi wäre ihr lieber gewesen, aber einer geschenkten Käsekrainer schaute man nicht... egal wohin.
„Dere, Ivica!“ rief der Würstelmann entzückt aus. Wieso kannten alle hier diesen Sportlehrer?
„Eine Bratwurst, mit Scherzerl, bitte, und a Sechzehner Blech.“
„Bitte sehr. Hab dich am Sonntag im Fernsehen gesehen, Ivo. Beim Interview. So a Schand’, dass du nimma spielst. Ich mein, vierzig is ja noch kein Alter ned. Dabei täten’s di so dringend brauchen.“
In Inges Hirn schoben sich ein paar Puzzleteile ineinander. Schön langsam wurde ihr klar, woher sie diesen Typen kannte. Aus dem Fernsehen. Er war kein Lehrer, sondern Schauspieler. Puh, war ihr das peinlich. Sie erinnerte sich. Er spielte eine Hauptrolle in der Werbung mit der Fußbodenheizung. Und in dem Spot mit der Nougatcreme.
Ivo ließ das Bier aus der Dose zischen. „Sechzig ist auch noch kein Alter nicht“, raunte er und zwinkerte ihr zu.
„Und was darf’s für Sie sein, “, strahlte der Würstelmann sie an, „das gleiche wie für den Herrn Sohn? Mit scharfem oder süßem Senf, Frau Vastic?“
Vastic. Jetzt dämmerte es ihr. Ivica Vastic. Der Fußballspieler.
„Mit Nutella“, sagte sie zum Würstelmann.
Ivo lachte. „Und ich hatte schon gedacht, Sie kennen mich gar nicht.“
Inge lächelte milde. „Sie halten mich wohl für total verkalkt.“
„Aber nein. Natürlich nicht. Ich hätte nur nicht geglaubt, dass sie sich für Fußball interessieren.“
„Na hören Sie. Heutzutage kennen wir Frauen uns besser im Fußball aus als die Männer. Und deshalb drücke ich Ihnen auch ganz fest die Daumen.“
Er lächelte dankbar und verneigte sich leicht. Und sie fügte mit nationaler Begeisterung hinzu: “Viel Glück in Südafrika!“
testsiegerin - 8. Mai, 20:29