Forschertagebuch
„Da ist sie.“
Erika sitzt im Zimmer auf dem Boden und wippt auf und ab. Im Zimmer stehen ein Bett und ein Schrank. In der Ecke ein alter Blechtopf, gefüllt mit Urin und Kot. Er ist mit Holzteilen so befestigt, dass er nicht umgeschüttet werden kann. „Ein Patent“. Immerhin kein Keller.
Es stinkt, Kot ist nicht nur im Topf. An der Innenseite der Türe ein Knopf, der von Erika nicht geöffnet werden kann. „Es ist nur zu ihrem Schutz“, sagt die Mutter. Mit der Familie am Mittagstisch isst Erika nie. Sie würde alles hinunterschmeißen. Sie wird in ihrem Zimmer gefüttert. Zähne hat sie nur noch wenige.
Erika ist 38 Jahre alt. In die Schule ist sie nie gegangen. „Nicht bildungsfähig“, lautete der Stempel. Kleidung hat sie kaum. „Sie braucht ja nix.“ Das Geld wird gespart, damit für sie gesorgt wird, wenn die Eltern einmal nicht mehr sind. Im Winter ist sie nie draußen, sie bekommt aber Vitamine.
„Es geht ihr gut“, sagt die Mutter. „Bisher hat sich auch niemand um uns gekümmert.“
Anno 2013, mitten in Österreich.
Ich steige ins Auto, wasche meine Hände in Desinfektionsmittel und weine. Ich schäme mich, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Die so geübt im Wegschauen ist.
testsiegerin - 26. Sep, 12:09
Schwerelos gleite ich durchs Leben, höre den Lärm nur gedämpft und sehe die Schönheiten unter Wasser klar. Riffblaue und muschelbunte schöne, fremde Welten. Wenn ich ganz tief hinabtauche, sehe ich aber auch den Müll am Meeresgrund. Meinen Müll. Es geht mir gut, sage ich, dabei spüre ich genau, wie sich da unten ein schrecklicher Sturm zusammenbraut.
Unter Wasser halte ich immer die Luft an. Nur manchmal vergesse ich darauf, schnappe leichtfertig und leichtfüßig nach ihr. Verschlucke mich daran. Fühle mich verschluckt vom Dunkel. Auf einmal wird – was eben noch still und sanft am Meeresgrund ruhte und so getan hat, als gehörte es nicht zu mir, als wäre das der Müll irgendeines Fremden, aufgewirbelt und wirbelt mich auf. Meine Empfindlichkeiten, mein Gekränktsein, die Ängste, nicht zu genügen, nicht genug geliebt zu werden; genug ist nie genug; nicht von genügend Menschen geliebt zu werden oder nicht von den richtigen, von denen, die ich auch liebe. Der ganze dreckige, stickige, stinkende Unterwassersumpf wirbelt um mich herum, trübt meine Wahrnehmungen, die meiner Selbst, die meiner Umgebung, nimmt mir die Klarheit, die eben noch so rein und unberührt war. Ich finde die Oberfläche nicht, drehe mich ausschließlich um mich selbst.
Unter Wasser halte ich immer die Luft an, aber es geht nicht mehr, die Batterien meiner Lunge sind leer, ich kann sie nicht länger anhalten. Keineswegs mehr leichtfüßig, leichtherzig... nur das Hirn wird leicht und entweicht. Wo ist oben, wo unten, wo links, wo rechts, wo bin ich? Wo will ich hin?
Nein, mich nicht suhlen in der trüben Suppe aus Selbstmitleid, Scham und Schuld. Ich will hier raus. Also strample ich dagegen an, verfluche meine Sensibilität, meine Angerührtheit, kein schützendes Neopren umgibt meine Seele, wenn es so etwas wie eine Seele überhaupt gibt; vielleicht ist sie nur ein Hohlraum, nicht mehr - ich strample und strudle, und je mehr ich strudle, umso mehr verstrudle ich mich, umso schlammiger und trüber wird der Augenblick, in jeder Hinsicht.
Also durchtauchen. Die Luft anhalten.
Unter Wasser halte ich meistens immer die Luft an. Manchmal ertrinke ich.
testsiegerin - 24. Sep, 09:23
Ich mag mein Leben sehr. Ja, man kann von Liebe sprechen, wenn man will. Wenn die Werbung und die Literatur das Wort nicht inflationär kaputtgeredet und kaputtgeschrieben hätten. Die Beziehung zwischen meinem Leben und mir, das ist nicht nur eine kurze Verliebtheit, hell lodernd und rosarote Flammen schlagend, die mein Gemüt erhitzen. Es ist auch nicht eine stille Glut wie in einer langjährigen Lebensgemeinschaft, an die man sich gewöhnt hat und in der man aus Bequemlichkeit und Angst vor Veränderung bleibt.
Die Beziehung zwischen meinem Leben und mir ist immer noch ein Feuer. Kein rosarotes mehr, wie in den ersten Jahren unserer Beziehung, dafür kennen wir einander mittlerweile gut genug; das Leben meine Macken und ich seine Launenhaftigkeit.
Ich schüre das Feuer. Manchmal so sehr, dass die benachbarte Scheune beinahe abbrennt.
Ich hatte oft das Gefühl, das Leben betrügt mich. Dabei war es nur das Glück, dass gelegentlich fremdgegangen und in einen anderen Schoß eingedrungen ist. Nichts ernstes, hat es gesagt, wenn es wieder zerzaust neben mir am Feuer gesessen ist, nur Affären. Ich habe geweint, vor Schmerz und Eifersucht, aber auch vor Glück, weil es wieder zu mir zurückgekommen ist. Meine Tränen haben das Glück verwirrt. „Aber ich kann... aber ich muss...“, hat es gestottert und um Worte gesucht, „...ich muss doch auch andere glücklich machen." Ganz verstanden hab ich das nie, aber ich habe gelernt, damit zu leben.
Mein Leben brennt. Ich mit ihm. Kein Burnout. Noch lange nicht. Heftig gelodert hat es in den letzten Jahren zwischen uns, vielleicht weil das Holz, aus dem ich geschnitzt bin, älter geworden ist und es schöner knistert. Das Knistern hat mich mutig gemacht. Der Wein trunken.
Und mit dieser Kombination habe ich meinem Leben eines Abends die Frage gestellt, die mir schon lang auf der Zunge brannte: "Willst du mich heiraten?“
Das Leben hat laut gelacht. Wenigstens hat es nichts von Angst und von Freiheit gequatscht, ich bin nämlich durchaus überzeugt davon, dass man auch in einer Ehe frei sein kann. Ich will das Leben nicht festhalten. Ich kann es auch gar nicht.
Da steckt bestimmt viel Beziehungsarbeit dahinter, sagt ein Paartherapeut, als ich ihm über die spannenden Momente zwischen meinem Leben und mir erzähle. Jetzt lache ich. Ihr immer mit eurer Beziehungsarbeit. Nein, da steckt keine Beziehungsarbeit dahinter.
Beziehungen muss man leben, nicht an ihnen arbeiten. Nicht an ihnen herumschrauben und sägen und feilen wie an einem kaputten Tisch, der nichts mehr trägt. Beziehungen sind lebendig. Sie wachsen, sie blühen, sie kreißen kalben und gebären in manchen Jahren fette Früchte und in anderen nicht. Manchmal sterben sie auch. Aber man kann sie nicht zurückschneiden oder gerade biegen, damit sie in den Himmel wachsen. Man muss sie lassen. Lassen. Die schwierigste Übung von allen. Ge-lassen werden. Und sein.
Meine Beziehung zum Leben ist keine kultivierte Pflanze, sondern einfach aufgegangen im Garten des Universums. Lebt wild und gefährlich, steht in unseren Informationsträgern und wir halten uns an daran. Ein starker, tief verwurzelter Baum ist aus dem zarten Pflänzchen geworden. Mit dicken Ästen, die sich verzweigen und auf denen man schaukeln kann.
Ich gieße ihn nicht, das besorgt der Regen. Ich genieße ihn. Ich genieße das Leben und ich glaub, das Leben hat auch seine Freude an mir. Die Eifersucht und der Zorn vergangener Zeiten ist vorbei. Wenigstens für den Moment, denn ich weiß, sie werden wieder aus den Astlöchern kriechen, wenn das Leben Schicksalsschläge vom Baum wirft.
So sauer war ich manchmal, dass ich das Leben angebrüllt hab: „So hau doch ab, wenn du mich nicht mehr liebst! Fick mich, verdammt noch mal.“ Ja, es hat mich manchmal gefickt, heftiger als mir lieb war, und manchmal hat es andere gefickt. Aber es ist geblieben. Ich habe viel gelernt von ihm. Vor allem Gelassenheit. Ich ärgere mich nicht mehr ständig über seine schlechten Launen, ich mach sie nicht zu meinen, sondern weiß, sie haben nichts mit mir zu tun. Vielleicht. Mit dieser Einstellung lebt es sich viel leichter.
Wir haben nicht geheiratet. Wir brauchen keinen Ring, um zu zeigen, dass wir zusammengehören. Wir werden weiter in wilder Ehe miteinander leben, das Leben und ich. Mit allen Risiken, die es birgt.
Es ist eine große Liebe zwischen dem Leben und mir. Nicht immer eine einfache Liebe, nein, das ist so bei großen Lieben. Sie ist groß und tief. Nur eines wird sie nicht sein, so sehr ich mir das auch wünsche: Unendlich.
testsiegerin - 8. Sep, 15:26
Seit ein paar Wochen haben wir eine Neue in unserer Seniorenwohngemeinschaft Grauer Star. Ich war mir erst noch nicht ganz sicher, was ich von ihr halten sollte. Leichte Demenz. Sie wirkte etwas überheblich. Wortfindungsstörungen. Als ich sie fragte, was sie sich zum Essen wünsche, meinte sie: „Ich hätte gern Papierschnitzel“, statt „paniertes Schnitzel“ und so Dinge. Ein wenig paranoid ist sie („Warum schaut mich der Kerl so an?“), sie verlegt ständig ihre Sachen („Ich hab den Schuh bestimmt in den Kühlschrank gestellt und nicht unter die Decke, ich schwöre!“), ist ein bisschen verwirrt („Es donnert, also muss heute Donnerstag sein“). Nichts Schlimmes. Manchmal müssen wir sie nachts aus einem anderen Bett holen, seltsamerweise immer aus einem Männerbett. So ganz sicher bin ich mir mittlerweile nicht mehr, ob das nur an ihrer Desorientiertheit liegt.
Sie hält uns auf Trab und sich an keine Regeln oder ärztlichen Verordnungen. „Ich weiß selber, was gut für mich ist.“ Und sie behauptet, für sie wären morgens starker Kaffee und Schokolade gut, zu Mittag ein kleines Schläfchen und am Abend ein Filetsteak und Rotwein und vor dem Schlafengehen Tequila. Da ist sie stur. Ich glaube, es ist auch ihre Lust am Widerstand, der sie aufrecht hält. Deshalb denken wir uns manchmal etwas aus, das wir ihr verbieten können, damit sie diese Lust genießen kann.
Ich hab sie ins Herz geschlossen, denn sie ist sehr liebenswert, hat einen dunkelschwarzen Humor, ein großes Herz und jede Menge Macken.
Sie legt zum Beispiel Wert darauf, dass wir ihr jeden Tag, bei jedem Wetter, eine Strumpfhose anziehen. Nein, keine Stützstrümpfe oder beige Baumwollstrumpfhosen, wie andere Bewohnerinnen sie tragen, sondern richtig schöne Teile, manche sind bunt gemustert oder mit Giraffenmuster oder Streifen versehen.
„Aber die sieht doch niemand, Frau Lehner“, hab ich gesagt, als ich ihr gestern die Wolford ohne Naht angezogen habe – ich durfte die Nylons nur mit eigens dafür vorgesehenen Strumpfhandschuhen anfassen. Sie hat „aber das macht doch nichts, Kindchen“ gesagt, „ich fühle mich darin einfach sexy.“
Jeden Morgen – oder das, was sie für den Morgen hält, nämlich halb elf Uhr vormittags, müssen wir sie schminken. Ihre Augen sind schon schlecht und ihre Hände zittrig, und als sie ein paar Mal versucht hat, es selbst zu tun, hat sie wie ein Clown ausgesehen. „Ohne Lippenstift geh ich nicht aus dem Haus“, hat sie gemeint und geweint, dabei geht sie ohnehin nicht mehr aus dem Haus. Außer Mittwochs, aber dazu komm ich später.
Sie bekommt beinahe jeden Tag Besuch, von einer guten Freundin, oder von der besten, oder von der allerbesten Freundin, oder der allerallerbesten. Sie kennt ihre Namen nicht mehr, deshalb sagt sie zu allen: „Ach, meine Süße, ich hab dich so lieb!“ So nennt sie mich auch meistens. Oder „Kindchen“.
In ihrer Schreibtischschublade fand ich letztens ein Buch, und hab darin geblättert - ein ziemlich gewagtes Buch - mehr pornografisch als erotisch, und Sie können mir glauben, ich bin keineswegs prüde. Ich errötete und grinste und konnte mir die Frage nicht verkneifen. „Da schau her! So etwas lesen Sie?“
„Quatsch!“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, „So etwas lese ich natürlich nicht.“ Und nach einer Pause: „So etwas schreibe ich nur.“
„Aber das Buch ist von Lucy Lubrič, von der hab ich schon mal gehört.“
„Glauben Sie, ich hätte das unter meinem richtigen Namen geschrieben? Das ist natürlich ein Pseudonym.“
Wie gesagt, sie ist etwas dement. Mal erzählt sie, sie wäre im Gefängnis gewesen, ein anderes Mal war sie früher Kinderbuchautorin, dann wieder Erotikbestsellerautorin, gelegentlich war sie Kabarettistin oder eine berühmte Schauspielerin. Sie fabuliert gern. „Sogar der Playboy hat mich einmal interviewt“, behauptet sie, „nackt.“
Von ihren Kindern weiß ich allerdings, dass sie früher Sachwalterin war. Ja, und jetzt hat sie selber einen, so ist das Leben. Mit dem, einem jungen Schnösel aus einer Anwaltskanzlei, fährt sie Schlitten, in dessen Haut möchte ich nicht stecken. Der zittert schon, wenn er bei der Tür hereinkommt, aber sie besteht darauf, dass er sie regelmäßig persönlich besucht. „Ich kenne meine Rechte, junger Mann“, pflegt sie ein Gespräch mit ihm zu beginnen. „Sie haben mir meine Wünsche zu erfüllen und nicht Ihre konservativen Werte von einem altersangepassten Leben aufs Auge zu drücken, kapiert? Ich scheiß auf ein in Ihren Augen würdiges Altern.“
Hin und wieder kommen auch ihre Kinder und Enkelkinder. Ihr Sohn ist Biobauer, fährt mit dem Traktor vor und bringt uns jedes Mal einen Sack Erdäpfel mit, oder einen Riesenkürbis; ihre Tochter ist Filmregisseurin in Kopenhagen. Ich hab sie letztens im Fernsehen bei der Oscar-Verleihung gesehen, eine sehr adrette Frau. Leider hat sie die Statue nicht gewonnen.
Ihre blonde Enkeltochter Matilda und sie sind ein Herz und eine Seele. Matilda ignoriert den Stuhl, den wir ihr vors Bett stellen, sondern setzt sich zu ihrer Oma ins Bett und liest ihr vor. Stundenlang. „Sie ist auch Autorin“, hat mir die Alte letztens stolz erzählt, „aber sie schreibt nur anständige Sachen. Ich würde ihr ja gerne helfen, aber so etwas kann ich wirklich nicht schreiben.“
Jeden Mittwoch kommt ihr alter Freund Anton. Er ist selbst nicht mehr so gut auf den Beinen, aber er holt sie mit dem Taxi ab und führt sie zum Essen aus, in die besten Restaurants der Stadt. An diesen Abenden macht sie sich immer besonders schön. Wenn ich am nächsten Morgen frage, was es denn zu Essen gegeben hat, sagt sie gereizt: „Woher soll ich das wissen?“ Und fügt versöhnlich hinzu: „Aber wir haben viel gelacht.“ Ja, das scheint ihr noch wichtiger zu sein als das Essen, das Lachen.
Sie ist eine friedliebende Person. Ein einziges Mal habe ich sie erwischt, wie sie aggressiv mit einem Stock auf eine Mitbewohnerin losgegangen ist und musste dazwischen gehen. „Die hat mir meine Strumpfhosen zerschnitten, diese Schlampe!“, hat sie geschrien und in einer Sprache geschimpft, die sich so ähnlich wie Chinesisch anhörte, aber das hab ich natürlich nicht verstanden. Wahrscheinlich war sie auch einmal eine berühmte chinesisch-russische Doppelagentin.
Nachts, wenn die anderen schlafen, spielt sie. Entweder sie zockt am Computer – ich habe aber auch schon beobachtet, dass sie schnell ein Fenster schließt, wenn ich hereinkomme und sie mein Klopfen nicht gehört hat - oder sie tarockiert mit Pfleger Jan und zwei männlichen Bewohnern im Dienstzimmer und knöpft ihnen Geld ab. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie klar sie da plötzlich ist, wenn sie die Spielkarten in der Hand hält. Keine Spur von Verwirrtheit. Für das Geld kauft sie sich Prosecco, und wenn sie richtig fett gewonnen hat, auch mal Champagner. Da besteht sie dann darauf, dass wir mit ihr anstoßen, aufs Leben, oder auf die Liebe. Oder auf überhaupt alles.
Sie teilt sehr gern. Letztens hat sie mir ihre Schmuckschatulle gezeigt, sehr originelle und schöne Stücke – natürlich war sie früher einmal eine berühmte Schmuckdesignerin und behauptet, den Schmuck selbst gemacht zu haben. Als ich einen Ring probiert und bewundert habe, hat sie gemeint: „Er steht Ihnen gut. Behalten Sie ihn. Mitnehmen kann ich mir ja doch nichts.“ Ich hab erklärt, dass das sehr lieb ist, wir aber keine Geschenke annehmen dürften. Das hat sie verstanden. „Das war bei uns früher auch so“, hat sie gesagt und mir eine Quittung ausgestellt. „Dankend erhalten“, hat sie mir zugezwinkert.
„Versprechen Sie mir etwas, meine Süße?“, fragt sie, als ich schon bei der Tür bin.
„Was soll ich Ihnen denn versprechen?“ Ich gehe zurück an ihr Bett und streiche ihr zärtlich über das weiße Haar.
„Versprechen Sie mir...“ Sie schaut in die Weite, als würde sie dort suchen, was sie mir sagen möchte. Aber sie findet die Gedanken und Worte nicht mehr. „Ich weiß nicht mehr“, sagt sie und schämt sich.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist drei Uhr früh. „Schlafen Sie gut, es ist spät.“ Ich schenke ihr noch einen Tequila ein, streue Salz auf die Stelle zwischen ihrem Daumen und Zeigefinger und halte ihr die Hand, damit es nicht herunterrieselt. Sie leckt es ab, kippt den Tequila hinunter und beißt in das Stück Zitrone, das ich ihr gereicht habe.
„Jetzt weiß ich wieder, was ich sagen wollte.“ Sie strahlt. „Vergessen Sie nicht zu leben, meine Süße. Leben Sie einfach. Und genießen Sie. Dann können Sie auch in Frieden sterben.“
testsiegerin - 1. Sep, 19:33
„Wir haben so viel im Kopf, dass wir manchmal lange nachdenken müssen, bis wir es finden“, hat meine kluge Tochter gestern gemeint.
Vielleicht sollten wir auch den Kopf manchmal gründlich ausmustern? Vielleicht können wir dann schneller auf das, was tatsächlich wichtig ist, zugreifen, wenn wir nicht erst Unmengen an Altlasten in unserem Hirn zur Seite schieben und unzählige Schubladen öffnen müssen, um zu finden, was wir suchen. Und wir hätten wieder mehr Platz für neues Wissen. Für Mandarin- und Dänischvokabel. Dui bu chi. I'm sorry. Xie xie. Danke. Weil das Wetter ohnehin schlecht ist, werden wir heute ausmustern.
Unnötige Gedanken, Erinnerungen und Wissen entsorgen. Ich hole ein paar Kartons.
Restmüllgedanken steht auf einem, Unnützes Wissen auf einem anderen. Daneben gibt es noch eine Kiste mit Belastendes. Davon finden wir ganz schön viel, und es fühlt sich gut an, loszulassen. Diese Kiste landet ohne viel Nachdenken auf dem Gedankenmüll. Ja, ich gestehe, wir haben nicht getrennt.
Neben diesem Müll, den kein Mensch brauchen kann, haben wir aber auch so viel Wissen, das wir nicht brauchen und das wir gerne weitergeben würden, an intellektuell benachteiligte Menschen. Second Head-Wissen, gut erhalten. Manches beinahe ungebraucht, da haben wir uns eingebildet, das könnten wir brauchen und haben es gelernt und uns mit Müh und Not gemerkt und dann hat sich herausgestellt, dass es einfach nicht zu uns passt. Wir befreien es vom Mief der dunklen Ecken in unseren Gehirnen, sortieren es nach unterschiedlichen Größen und Themen und bringen es zum Altkenntniscontainer.
Der hat seinen Namen zu Recht verdient, denn manches Wissen ist tatsächlich schon ein wenig veraltet. Wer braucht schon die Staaten der Sowjetunion, Produktionstechniken von Kassettenrekordern oder ausgestorbene Wörter wie Berserker und Käseigel (es sei denn, er ist auf einer 70er-Revivalparty eingeladen)?
Wir haben ein gutes Gefühl dabei, unser nicht gebrauchtes Wissen mit Menschen zu teilen, die sich kein eigenes leisten können. Die Menschen werden in Läden mit niedrigen Schwellen gehen, in unsere abgelegten Gedanken und das abgetragene Wissen schlüpfen und sich über für sie neue Erkenntnisse freuen. Unsere Erinnerungen werden sich aufregend anfühlen für sie.
Böse Zungen werden uns als Gutmenschen bezeichnen, aber das sind wir gewöhnt. Plötzlich fällt mir eine Doku ein, die ich vor kurzem gesehen habe. „Vielleicht sollten wir es doch nicht weggeben“, sage ich, als wir die Kisten aus dem Auto räumen.
Im Fernsehen wurde berichtet, dass das, war wir so großzügig und -herzig spenden, weil wir es nicht mehr brauchen, gar nicht denen zugute kommt, die es wirklich brauchen, sondern nach Gewicht an Firmen verkauft wird, die damit handeln. Diese sortieren unser ohnehin schon vorsortiertes Wissen noch einmal aus, reinigen es von schwermütigen Gedanken und verkaufen es. Dabei wollen wir nicht, dass es verkauft wird, sondern gratis zur Verfügung steht. Wir wollen es spenden. Herschenken und nicht, dass jemand damit Kohle macht.
Unsere Geistesgut geht nicht an die Armen im Geiste, sondern an die Armen im Herzen, die mit den Armen im Geiste Geld verdienen. Auf jeden Fall machen die Zwischenhändler viel Geld damit, sie kaufen billig und verkaufen teuer; das Wissen wird mit viel Aufwand und Energie auf die andere Seite der Welt transportiert und dort – nein, es wird eben nicht verteilt an Kinder, deren Eltern sich keine Schule leisten können oder Menschen, die aus anderen Gründen keinen Zugang zur Bildung haben, es wird verkauft. Auf den Märkten wird es angepriesen, und weil es für manche einfältige Menschen einfacher ist, unser Second-Hand-Erfahrungen zu kaufen als eigene zu machen, als selbst zu lernen, als ihren Vorfahren und Dorfältesten zuzuhören, geht das unendliche Wissen, das dort vorhanden ist, kaputt. Uraltes Wissen geht verloren, weil alle nur das xxotische, ausländische, manchmal billig und achtlos produziert, kaufen wollen, obwohl ihnen das nicht steht und nicht zu ihnen passt; obwohl sie mit dem zum Teil überhaupt nichts anfangen können. Es verträgt sich nicht mit ihrer Kultur. Es macht sie sogar kaputt.
Und wir machen uns mitschuldig, nur weil wir nicht genug kriegen können.
Ich packe die Kisten wieder ins Auto. „Und wohin jetzt damit?“, fragt meine Tochter.
„Keine Ahnung, aber ich glaub, so funktioniert das nicht. Wir werden wohl alles ein wenig zusammenschieben und einiges ins Unbewusste verdrängen. Wenn wir alt werden, zerfallen einige Gedanken und Erinnerungen ohnehin von selbst. Bis dahin müssen wir sie wohl oder übel mitschleppen.“
testsiegerin - 31. Aug, 17:17
Ich habe keine Ahnung, wo er ist. Ich habe überall nach ihm gesucht. Das war ja nicht so schwer im Haus und im Garten, so ein Elefant im Garten – auch wenn er noch klein ist - verhält sich ja nicht wie die Nadel im Heuhaufen, die sich überhaupt nicht verhält, sondern nur stumm und stichig da rumliegt.
Erst hab ich mir keine großen Sorgen gemacht, als ich von der Arbeit nach Hause gekommen bin, ihn gerufen hab und er sich nicht gerührt hat. Ich dachte erst, er ist auf eigene Faust eine Runde spazieren gegangen. Jedes Lebewesen braucht schließlich seine Freiheit. Als ich also gestern nach Hause gekommen bin, war überhaupt keiner da. Der Mann hat gearbeitet, die Tochter schmachtet grad in Kopenhagen einen Dänen an und mein Sohn war mit dem Traktor auf dem Feld. Ich hab ihn sofort angerufen, ob Raphael ihn vielleicht begleitet hat, Ferdi, der alte Traktor, fährt ja nicht schneller als so ein kleiner Elefant läuft. Fehlanzeige.
Ich bin durchs Dorf und über die Felder gelaufen und hab nach ihm gerufen: „Raphael! Raphael!“ Eine Spaziergängerin hat gemeint: „Der jagt bestimmt Hasen.“ Die Leute sind so bescheuert. Als würde ein Elefant nichts Besseres zu tun haben als Hasen zu jagen.
Ich bin verzweifelt. Ich kann doch nicht eine Vermisstenanzeige aufgeben, weil etwas weg ist, das zu halten mir behördlich verboten wurde. Das wäre so, als würde ich eine Vermisstenanzeige für einen gestohlenen Ferrari aufgeben. Obwohl Raphael natürlich nicht gestohlen wurde. Ich muss gestehen, ich habe mit meinen Mann immer noch nicht darüber gesprochen, warum er einen Elefanten bestellt hat. Vielleicht, weil ich weiß, dass ich auf meine Frage keine zufriedenstellende Antwort bekommen würde. Vermutlich würde er sagen: „Jetzt fängst du schon wieder damit an! Iss doch etwas“, und mir die dampfende Rindsuppe hinstellen.
Eine Vermisstenanzeige kommt also nicht in Frage. Außerdem würde einer der beiden Polizisten fragen, seit wann Raphael verschwunden ist und mir dann geduldig erklären, dass er eine Vermisstenanzeige erst nach 48 Stunden Abwesenheit entgegennehmen könne. „Das gilt doch nur bei Erwachsenen“, würde ich aufgebracht antworten, „Raphael ist ja noch ein Elefantenkind!“ Sie würden einander wissend zunicken und glauben, Raphael wäre ein Plüschelefant. Sie würden meinen Arm tätscheln und sagen: „Den finden Sie bestimmt wieder. Vielleicht hat er einen kleinen Ausflug ins Spielwarengeschäft gemacht und ein bisschen mit den anderen Stofftieren spielen!“ Dann würden sie mich nach Hause schicken.
Ich würde mich aber weigern zu gehen und zu toben beginnen, weil ich mich nicht ernstgenommen fühlen würde und sie würden den Amtsarzt anrufen und der würde die Rettung rufen und die würden mich in die Sozialpsychiatrische Abteilung bringen. Der Amtsarzt würde sagen: „Oh, die Frau Lehner“, und anzüglich grinsen, weil ich letztens sein Gutachten und seinen Sachverstand angezweifelt habe. Selbstverständlich würde er das anzügliche Grinsen unter einer Maske aus aufgesetztem Mitgefühl verbergen und sagen: „Das kann jedem passieren, so eine psychische Erkrankung. Im besten Fall handelt es sich nur um ein stressbedingtes psychotisches Übergangssyndrom.“ Dann würde er noch fragen „Hören Sie auch Stimmen?“ und ich würde wahrheitsgemäß mit „Ja, Ihre. Die ist kratzig und unangenehm und redet Mist“ antworten.
In der sozialpsychiatrischen Abteilung würden sie ganz lieb zu mir sein, also vielleicht mit Ausnahme der Ärztin, der ich letztens Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit unterstellt habe und vielleicht mit Ausnahme des psychiatrischen Pflegers, den ich gefragt habe: „Na, fühlt es sich geil an, so viel Macht zu haben und die Präpotenz an den Klienten auszulassen?“
Wenigstens die Patienten würden sich bestimmt freuen, mich öfter als einmal im Monat zu sehen, aber sie würden ständig Geld von mir wollen. Sie wollen immer Geld von mir.
Eine Vermisstenanzeige kommt daher nicht in Frage, klar. Ebenso gut könnte ich mir von meinem Nachbarn einen Hammer ausleihen.
Ich glaube, man hat Raphael entführt. Vielleicht kommt ja ein Erpresserbrief. Aber was könnten Erpresser von uns wollen? Die alte Kaffeemaschine, die vergoldete Kette meiner Mutter oder den dreibeinigen Kater?
Vielleicht hat die Behörde ihn einfach abgeholt und in den Zoo oder in einen Zirkus verfrachtet. Morgen werde ich nach Schönbrunn fahren. Und danach alle Zirkusse/Zirken/Zirka abklappern, die in der Gegend ihre Zelte aufgeschlagen haben.
Bitte helfen Sie mir. Ich brauche Raphael. Zweckdienliche Hinweise, die dem Zweck dienen, Raphael wieder zu finden, bitte an mich.
Danke.
testsiegerin - 15. Aug, 13:09
Manchmal kommt sie. Sie kommt nicht wie ein freundlich angekündigter Besuch, auf den ich mich freue und den ich bekoche und bewirte. Sie kommt auch nicht wie ein überraschender Gast, über den ich mich ebenfalls freue, selbst wenn der Kühlschrank leer ist und mit dem man sich dann Pizza bestellt und warmes Bier trinkt. Sie kommt mich überhaupt nicht besuchen, dabei würde ich sie sehr wohl hereinlassen, hin und wieder, ihr ein Bitter Lemon anbieten und mich mit ihr über ihre Nachbarn unterhalten, über die Sehnsucht, die Schwermut und den Tod.
Sie überfällt mich einfach. Von hinten. Ich sehe und höre sie nicht kommen, plötzlich ist sie da, sie lässt mir keine Zeit, mich darauf vorzubereiten oder mich auf sie einzustellen.
Sie erinnert mich an den Mann im Gefängnis, der junge, hübsche Frauen mit einem Maurerfäustel von hinten erschlagen und dann vergewaltigt hat. Ein kleiner, schmächtiger, alter Mann war er, einer, bei dem man das Gefühl hatte, er könne keiner Fliege etwas zu leide tun. Fliegen hat er auch nichts zuleide getan, zumindest weiß ich nichts davon. Auch zum Zeitpunkt der Morde viele Jahre vorher war er ein kleiner, schmächtiger Mann. Ein junger, schmächtiger, kleiner Mann. Das, was man ein Zniachtl nennt.
Seine Mutter hat er geliebt, hat er gesagt, als einzige Frau. Die anderen hat er gehasst, auch seine beiden Ehefrauen. In Wahrheit konnte er gar nicht lieben, auch nicht seine Mutter. Am allerwenigsten hat er sich selbst geliebt. Wahrscheinlich hat er diese Frauen – ich weiß nicht mehr, ob es drei oder sieben waren, das tut nichts zur Sache – obwohl es für die Frauen zwischen drei und sieben schon einen Unterschied gemacht hat, ob sie ermordet, schwer verletzt oder gesund geblieben sind – wahrscheinlich hat er diese Frauen stellvertretend für seine Mutter umgebracht.
Er stieg auf sein Fahrrad, um ein Stück größer zu sein, sich selbst zu erhöhen (heute brauchen Männer dazu einen Porsche); anstatt mit einem gesunden Selbstwertgefühl war er mit einem Maurerfäustel bewaffnet, und hat die Frauen von hinten mit diesem Hammer niedergeschlagen. In diesem Zusammenhang habe ich das erste Mal den Begriff Maurerfäustel gehört, nicht im Kontext mit Bauarbeiten.
„Wie soll ich mit ihm umgehen?“, habe ich damals meine Kollegen im Gefängnis gefragt. Sie haben gelacht und gemeint, der wäre ohnehin harmlos. „Geh halt nie vor ihm“, haben sie gesagt.
Weil das Schicksal manchmal einen sehr skurrilen Humor hat, wurde der Mann nur ein Jahr nach seiner Entlassung aus der Haft von einer Frau mit einem Stich in den Rücken getötet. Aus Hass und Ekel.
Die Traurigkeit überfällt mich in unregelmäßigen Abständen auch von hinten. Der Rat meiner ehemaligen Kollegen "geh halt nicht vor ihr" hilft mir nicht weiter. Ich höre und sehe sie ja nicht kommen, kann daher nicht sagen „Gnädigste, nach Ihnen“ und sie großzügig mich überholen lassen. Und wenn ich mich zufällig umdrehe und sie herankommen sehe, wie sie mit ihren dünnen Beinen in die Pedale tritt, ist es zu spät.
Die kann doch niemandem etwas zuleide tun, denke ich noch, wie sie da schmächtig in gebückter Haltung auf dem schwarzen Waffenrad sitzt. Ich sehe das Maurerfäustel in der Hand der Traurigkeit nicht. (Später wird sie sagen, sie habe die Lebenslust und die Leichtigkeit gehasst und sie deshalb umgebracht.)
Sie grinst und holt aus.
Schnitt.
Ein schwacher Trost, dass sie – wenn das Schicksal seinen Humor bis dahin nicht verloren hat – irgendwann, wenn sie auf Bewährung in Freiheit ist, von der Fröhlichkeit erschlagen wird.
testsiegerin - 10. Aug, 09:17
Älter ist der Komparativ von alt. Aber älter ist trotzdem jünger als alt. Älter als alt ist greisenhaft. Roswitha, die 85-jährige Frau, die wieder auf Schmuckkurs ist, behauptet von sich, im Greisenalter zu sein. Deshalb fuhr sie im vergangenen Winter nur noch eine Stunde pro Tag Schi, und nicht mehr so wild. "Man muss halt seine Grenzen kennen", sagt sie.
Da sie das Rezept fürs fröhliche Altwerden nicht verraten hat, habe ich selbst eines zusammengestellt.
Grundlage für dieses Rezept sind umfangreichen Studien an lebenden Objekten sowie Methoden der empirischen Sozialforschung (Beobachtung, Befragung, qualitative Interviews).
Zutaten:
• Unheimlich viel Lebenslust, angereichert mit Genussmittel jeder Art
• Enge Beziehungen (laut einer Studie zum Thema Sozialkapital idealerweise zwischen acht und zwölf)
• Ganz schön viele Prisen Humor und Selbstironie
• Singen (das Bruttosozialglück ist am höchsten in Gemeinden, in denen es viele Gesangsvereine gibt) oder andere Leidenschaften
• Ein paar Handvoll und Geistvoll Kreativität
• Dankbarkeit
• Gute Gene
• Mohn
Zubereitung:
Sämtliche Zutaten unzerkleinert mit bloßen Händen, offenem Herzen und staunenden Augen vermengen. Daraus was auch immer formen. In reichlich sprudelnden Erfahrungen treiben lassen. Während das Glück zieht, in Milch und Honig (kann auch durch Prosecco ersetzt werden) baden. Geiz und Neid schmoren lassen und in den Abfluss leeren.
Schwierigkeitsgrad: einfach bis sehr schwierig, abhängig von der Menge und Art der Zubereitung.
Zubereitungsdauer: ein Leben lang
Wertung: *****
Kommentare anderer Nutzer:
Frau F. aus H:
Ich habe das Singen durch Theaterspielen ersetzt, weil das Singen schon schlecht war. Das Ergebnis war trotzdem gut. Danke für dieses Rezept.
Frau H. aus B: Der Humor war ein wenig zu trocken. Deshalb haben wir den Prosecco während der Zubereitung getrunken, anstatt darin zu baden. Das Jüngste Gericht wurde dadurch feuchtfröhlich, hat aber lustig geschmeckt, auch am nächsten Tag noch. Trotzdem danke für das Rezept.
Herr Huber Egon: So ein Schmarr’n. Ich habe versucht, wie immer genau nach Rezept zu kochen, aber die Mengenangaben haben gefehlt und so wurde alles ein undefinierbarer Matsch. Was der Mohn im Rezept verloren hat, hab ich überhaupt nicht verstanden. Werde ich sicher nie wieder kochen, sondern weiterhin den Schweinsbraten meiner Mutter essen.
Luise O. aus A.: Mein absolutes Lieblingsrezept. Bei uns gibt es das jetzt jeden Tag. Mir doch egal, dass die Nachbarn und die Schwiegermutter schon über uns reden. Genial!
Herta M.: ich habe das Rezept zuletzt genau wie beschrieben ausprobiert. Uns hat es sehr gut geschmeckt. Allerdings bevorzugen wir die Variante ohne Genussmittel und dafür sehr heiß. Außerdem verträgt das Gericht gut und gerne die doppelte Menge Leidenschaft.
testsiegerin - 7. Aug, 23:27
Tagebucheintrag
Samstag, der 3. August
„Du leidest immer noch darunter, nicht wahr?“, hat Herwig mich letztens gefragt.
„Wie kommst du da drauf? Worunter soll ich leiden?“, habe ich zurückgefragt.
Dabei weiß ich, dass er weiß, dass ich weiß, was er meint. Wen er meint. Den anderen Herwig. Den Herwig Steiner.
Der mich vor ein paar Jahren aus seinem Herzen delogiert hat. Gut, ich habe ihm wahrscheinlich genügend Gründe gegeben, mich hinauszuschmeißen. Und hab seine Kündigung trotzig ignoriert, mich auf den roten Koffer, den er mir gepackt hat gesetzt und gesagt: Mich wirst du so schnell nicht los.
Aber ehrlich: Ich hab ihn gewarnt. Von Anfang an hab ich ihn gewarnt vor mir. Eine Frau wie mich kann man nicht so einfach lieben, hab ich ihm gesagt, zumindest nicht für länger, aber er wollte mir unbedingt das Gegenteil beweisen.
„Ach, der Herwig“, habe ich lässig abgewunken, als der neue Herwig in meinem Leben mich darauf angesprochen hat.
Der andere Herwig war doch nur ausgedacht, denke ich mich in einen Strudel, den hab ich doch nur erfunden, den gibt es doch gar nicht wirklich. Aber es macht keinen Unterschied, wenn eine Liebe kaputtgeht, ob sie nur ausgedacht war oder ganz real. Vielleicht ist es sogar noch schlimmer, wenn sogar eine Liebe, die es gar nicht gibt, scheitert. Scheitern einer Liebe multipliziert mit dem Scheitern einer Illusion ergibt... ich rechne... ergibt ziemlich viel Schmerz.
Warum bin ich nicht einmal fähig, ein Happy End zu erfinden? Wobei... ich hab ja damals eins erfunden, die Geschichte zwischen Barbara und Herwig ist ja eigentlich gut ausgegangen... damals. Sie stand mit nassem und zerzaustem Haar vor der Bezirkshauptmannschaft und hat sich entschuldigt. Er hat ihr verziehen.
Warum also habe ich es notwendig, diese Liebe nachträglich kaputt zu machen und Herwig, den Ertsten, also Herwig Steiner kleinzureden und schlecht zu machen? Der war schon in Ordnung, wie er war, hat sich bemüht mich zu verstehen und mir immer alles verziehen. Fast alles. Bis auf die Aufforderung: „Du schlappschwänziges Weichei, verlass mich doch endlich!“ Ich weiß nicht, warum er damals wirklich gegangen ist, ich hab das doch nicht so gemeint.
„Warum hab ich denen das Glück nicht gegönnt?“, habe ich Herwig den Zweiten, also den echten Herwig, der nicht nur meiner Fantasie entsprungen, sondern aus Fleisch und Blut ist, gefragt.
„Ich weiß nicht“, hat er gesagt, den Mohnstrudel ausgepackt und ein Stück abgeschnitten. Herwig hat keine Antworten, das macht ihn auch so sympathisch. Er löst Problme nicht mit Worten oder guten Ratschlägen, sondern mit Mohn. Mohn wirkt heilend, auch Raphaels Schrunde ist fast abgeheilt.
Vielleicht bin ich neidisch darauf, dass die Beiden so glücklich waren. Vielleicht halte ich zu viel Glück und Harmonie gar nicht aus, obwohl ich mich so danach sehne. Vielleicht inszeniere ich Unfälle, Unglücke und Konflikte unbewusst, um dem Glück nicht in die Augen schauen zu müssen. Weil das Glück ohnehin vergänglich ist und ich so wenigstens die Kontrolle über den Zeitpunkt dieser Vergänglichkeit habe.
„Bei dir mag ich das anders machen“, habe ich Herwig und mir selbst versprochen. Er hat mir ein Stück Mohnstrudel in den Mund geschoben und gelächelt. „Iss“, hat er gesagt.
Ich muss die Vergangenheit loslassen. Aber Loslassen ist einfach die schwierigste Übung von allen. Vielleicht kann ich mit einer einfacheren Übung anfangen. Man fängt ja auch mit einem Purzelbaum an und nicht mit einem dreifachen Salto vorwärts.
Herwig ist kein Schwätzer. Wir reden nicht darüber, was das mit uns eigentlich ist. Welche Form der Beziehung Herwig fragt nicht: „Und was ist mit deinem Mann?“ oder „Wie soll es weitergehen mit uns?“
Gestern war er wieder bei mir im Weinviertel, obwohl im Waldviertel grad die Mohnernte in vollem Gang ist. Er hat Raphaels Verband gewechselt und frische Mohnwickel gemacht. Mein Mann kam grad nach Hause, als Herwig Raphael dann noch mit Mohnmuffins gefüttert hat. Zunächst war mir die Situation ein bisschen peinlich. Ich wusste nicht, was ich sagen soll, also hab ich es kurz gehalten: „Herwig – mein Mann.“ Die zwei Männer haben sich einfach die Hände gegeben, auf sehr männliche, joviale Art haben sie eingeschlagen. Mein Mann hat Bier geholt, Herwig hat ihm einen Mohnmuffin angeboten, sie haben sich zugeprostet und dabei angeschaut und dem Blick des anderen standgehalten.
„Gratulation! Ein Prachtkerl!“, hat Herwig gesagt und Raphael gemeint. Ich habe ein paar Bissen Stolz in den Augen meines Mannes entdeckt. „Ja, ich weiß“, hat er gesagt, „danke, dass du dich um ihn kümmerst.“ Sie haben aus ihren Flasche getrunken und die Muffins gegegessen. „Auf Raphael.“
Ich sauge mit dem Strohhalm an meinem Caipirinha und stelle mir vor, was passiert wäre, hätte Herwig mit dem gleichen Tonfall „Gratulation. Ein Prachtweib“ gesagt und mich gemeint. Ob mein Mann dann auch „Ich weiß. Danke, dass du dich um sie kümmerst“ gesagt hätte?
testsiegerin - 3. Aug, 23:59
Je näher das Fremde, umso mehr zieht es mich an. Und was liegt näher als das Fremde in mir?
Was ist mir an mir fremd? Ist mir noch etwas fremd an mir? Oder liege ich nach Jahren der Reflexion, Supervision, Therapie, nach Jahren des Schreibens und dem Ringen um Worte, mit Worten, liege ich nach diesen Jahren der Auseinandersetzung mit meinem Innersten nicht ohnehin ausgebreitet vor mir wie ein Buch? Kann ich nicht beliebig in mir blättern, zustimmend nicken, sagen: „Spannendes Kapitel“, oder „na ja, nicht sehr aufregend“, kann ich manche Seiten hastig überblättern, murmeln „diesen Stil kann ich zwar überhaupt nicht leiden, aber so ist sie nun mal“?
Oder gibt es da doch noch ein paar Seiten, die zugeklebt sind, in denen wichtige und geheime Informationen versteckt sind, so geheim, dass nicht einmal die NSA darauf Zugriff hat?
Was könnte darin stehen? Will ich sie mit einem scharfen Stanleymesser aufschneiden und mich damit konfrontieren? Oder ignoriere ich sie genauso wie meinen Kontostand? Lasse ich die zugeklebten Seiten bis zu meinem Tod verschlossen? Und was dann?
Brüten dann meine Erben über dem Buch und lassen die Seiten in Anwesenheit eines Notars oder Psychoanalytikers öffnen? Sagen sie dann: „Puh.... genauso viele Belastungen wie auf dem Konto“ oder „Lächerlich, das habe ich ohnehin alles gewusst, nur sie vielleicht nicht.“
Sind sie gar ein wenig enttäuscht, weil das Erbe so mager ausfällt? Weil so wenig Verstecktes, Vergrabenes, Gehütetes ans Licht kommt? So wenig Neues? Wird meine Tochter frustriert sein und seufzen: „Das Buch So war sie wirklich – Die Schattenseiten meiner Mutter kann ich mit diesem dürftigen Material vergessen.“
Mein Sohn wird einen kurzen Blick in die verborgenen Seiten werfen und sagen: „Eh gut“. Mit dem selben Tonfall und den selben Worten, mit dem er die Frage, wie das Essen schmeckt, beantwortet. Mein Mann wird kurz darin blättern „So viele unnötige Worte“ raunzen, „wo ich doch keine Bücher lese.“ Oder „das geht mich nichts an, das sind ihre Seiten, nicht meine.“
Meine beste Freundin wird den Kopf schütteln und sagen: „Mich wundert schon lange nichts mehr bei ihr.“
Vielleicht sind die verklebten, unerforschten Seiten in meinem Buch einfach leer. Vielleicht wird irgendjemand erstaunt ausrufen: „Seht euch das an! Sie war in Wahrheit ein unbeschriebenes Blatt!“
Das wäre das entsetzlichste, das passieren könnte. Deshalb schneide ich sie auch nicht auf, diese Seiten.
testsiegerin - 2. Aug, 09:28