Geschichten

Montag, 24. September 2012

Die Liste - 11

„Wenn Sie Ihrer Mutter einen für sie typischen Satz in den Mund legen müssten, welcher wäre das?“
„Hm.“ Frank dachte nach. Er schwankte zwischen Was hab ich da bloß für einen Versager auf die Welt gebracht? und Das Leben hat es nicht gut gemeint mit mir. Er entschied sich für Letzteres.
„Das Leben hat es nicht gut gemeint mit mir“, Frau Leitner nahm eines der Halstüchter von der Garderobe und legte es sich um die Schultern. Dann umrundete sie mit hängenden Schultern den Tisch. „Das Leben hat es gar nicht gut gemeint mit mir.“ Über ihre Wangen liefen Tränen.
„Ja, Mama, das Leben hat es nicht gut gemeint mit dir“, sagte Frank automatisch und war fasziniert von der Ähnlichkeit im Klang der Stimme von Frau Leitner und seiner Mutter.

Sie war jetzt seit drei Stunden da. Ihren Kaffee hatte sie mit Milch und Zucker getrunken, wie Mama, und sich dann sofort auf ihren Job konzentriert. Sie hatte in alten Fotoalben geblättert, vergilbte Briefe gelesen und Frank über das Leben seiner Mutter ausgefragt. „Das Leben hat es tatsächlich nicht gut gemeint mit mir“, seufzte sie.
Sie notierte sich die Ernährungsgewohnheiten seiner Mutter, sah sich in derem Kleiderschrank um, fühlte die Stoffe zwischen ihren Fingern, probierte einen geschmacklosen grauen Wollrock und eine gestärkte Bluse und legte Rudi Schuricke auf den Plattenteller. Als Florentinische Nächte erklangen, zuckte Frank vor Schmerz zusammen. Das Lied hatte seine Mutter auf der Fahrt zum Gardasee permament und penetrant gesungen.

„Ist das denn wirklich notwendig?“ fragte er ein klein wenig gereizt. Die Schauspielerin, die er sonst immer engagiert hatte, hatte sich weit weniger kompliziert angestellt. „Sie brauchen sich doch nur ins Bett zu legen, wie meine Mutter auszusehen, sich untersuchen zu lassen, und hin und wieder mit dem Kopf zu nicken oder zu schütteln.“
„Frankieboy“, jetzt tätschelte sie ihm den Kopf, „du musst deine alte Mutter nicht siezen. Mich auch nicht, ich heiße übrigens Marianne.“ Sie hielt ihm die Hand hin und er schüttelte sie.
„Frank“, sagte er, „Frank Fodor.“
„Außerdem scheinst du du keine Ahnung von Schauspiel zu haben“, sie setzte sich die Perücke auf den Kopf und trug Lippenstift auf. Sie wurde ihr immer ähnlicher, und da war es wieder, dieses vertraute, enge Gefühl in seinem Hals. „Method Acting nennt man diese Methode“, fuhr sie fort, „ich muss deine Mutter spüren, um sie spielen zu können, verstehst du? Spüren, fühlen, schmecken, hören. Sie mit allen Sinnen erfassen. Wonach hat sie gerochen?“
„Ich weiß nicht genau.“ Er hatte keine Lust, Marianne Leitner über seine Anosmie zu erzählen, aber er brauchte sie. „Vermutlich nach Mottenkugeln und Lavendelsäckchen.“

Fortsetzung folgt

Samstag, 22. September 2012

Die Liste - 10

Er beschloss, alles auf eine Karte zu setzen. Ganz abgesehen davon: Hatte er eine Wahl? Sicher, er konnte Pech und sich in dieser Person komplett getäuscht haben; und es war ja auch nicht so, dass er Gelegenheit gehabt hätte, sich ein besonders umfassendes Bild von ihr zu machen. Hier verließen ihn seine Listen, die ihm höchstens verrieten, welchen Rock Frau Leitner an welchem Tag getragen hatte. Es bestand die Möglichkeit, dass sie zur Polizei ging und alles auffliegen ließ, da machte er sich nichts vor. Aber es ging um so viel. So viel Geld. Regelmäßige Kontoeingänge. Ruhe für die nächsten Jahre. Und wer wäre für seine verrückte, strafbare Schmierenkomödie besser geeignet als eine Laien-Schauspielerin mit einem waschechten Raben auf der Schulter?

Er brauchte nur eine Minute. Ein paar grausige Details ließ er weg, zum Beispiel, dass Mama im Keller in eine Wand eingemauert war.
„Deshalb brauche ich eine Mutter. Für zirka eine Stunde“, schloss er seinen Vortrag. Sein Blick flitzte zwischen dem Raben und der Hexe hin und her. Sie hatte ihm stumm zugehört, nur einmal das rechte über das linke Bein geschlagen und sah ihn jetzt mit so ausdruckslosen Augen an, dass Frank sich einen Fingernagel zwischen die Zähne steckte; eine der fünf Todsünden, die er sich längst abgewöhnt und für die seine Mutter ihn zu Lebzeiten mit dem Teppichklopfer verdroschen hatte.

Es klingelte an der Tür. Im Aufstehen fragte sie ihn: „Was bekomme ich dafür?“ und verließ ohne seine Antwort abzuwarten das Zimmer.
Er hörte Stimmengemurmel aus dem Flur, der Rabe krächzte aufgeregt. Frank stellte sich vor, wie die Hexe Hillary einen Zauberer a la Gandalf umarmte, als sie plötzlich wieder im Türrahmen auftauchte. „Mein Besuch ist da. Also: wie viel?“
Frank nannte die Summe, die er der arbeitslosen Schauspielerin gezahlt hatte und schlug noch 50 Prozent drauf. Frau Leitner pfiff durch die Zähne.
„Wir haben aber kaum Zeit, und wenn man uns durchschaut…“ Er dachte an das Bild des Gefängnis-Insassen, das ihm sein Therapeut gezeigt hatte, „… das ist kein Kavaliersdelikt. Das ist kein Theaterstück für Kinder, wissen Sie.“
„Nein, ist es nicht“, bestätigte seine Nachbarin. „Es ist aber ein schönes Abenteuer. Ich komme morgen früh zu Ihnen, zur ersten Probe. Meinen Kaffee trinke ich mit Milch und Zucker. Und jetzt muss ich Sie bitten, zu gehen.“
Mitten im Treppenhaus blieb Frank Frodor stehen und überlegte, ob er Abenteuer mochte.

Freitag, 21. September 2012

Die Liste - 9

„Haben sie Angst vor mir?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage.
„Ja. Nein. Also...“ Er wusste es nicht. Frank kannte sich mit Gefühlen nicht gut aus, er war ein Leben lang ohne sie ausgekommen und hatte auch nicht die Absicht, das im Alter von 52 Jahren zu ändern, obwohl sein Therapeut ihn seit Jahren ermutigte, Gefühle zuzulassen.
Frank folgte Frau Leitner wortlos in ein Zimmer. Sie setzte sich auf das cremefarbenen Sofa aus Leder und bedeutete ihm mit einen Blick, auf dem Ledersessel ihr gegenüber Platz zu nehmen.
„Worum geht’s denn?“ Sie schaute auf die Armbanduhr.
Das Zimmer war hell und alles andere als bedrohlich-hexenhaft eingerichtet. In der einen Ecke stand ein Aquarium mit weißem Sand, Kieselsteinen und türkisfarbenem Wasser, in dem ruhig ein paar Fische ihre Kreise zogen. Welche, konnte er nicht sagen, er kannte sich nicht nur mit Gefühlen, sondern auch mit Fischen nicht aus.
Er hatte seine Bitte zu Hause sorgfältig formuliert, ausgedruckt und in die Tasche seines Hawaiihemdes gesteckt, sicherheitshalber, falls ihm in der Aufregung der Text nicht einfiel. Jetzt aber konnte er keine seitenlange Erklärung verlesen, jetzt hieß es schnell zu handeln und die Chance zu nutzen.
„Ich brauche eine Mutter“, presste er hervor.
Sie lachte, und ihr Lachen klang keineswegs mehr heiser, sondern schallend.
Sie lacht mich aus, dachte er, sie lacht mich aus, wie meine Mutter mich damals ausgelacht hat, als ich am ersten Schultag vor Aufregung in die Hose gemacht habe.

Einen winzigen Augenblick lang verspürte er den Impuls, sie einfach zu erwürgen; seine Hände um ihren Hals zu legen und so lange zuzudrücken, bis das Lachen verstummte. Dann blickte er auf den spitzen Schnabel des Raben auf ihrer Schulter. Der hackt mir die Augen aus, wenn ich sie berühre, dachte Frank. Außerdem war es nicht vernünftig, sie zu töten, denn man löste keine Probleme, indem man fremde Frauen erwürgte, sondern schuf welche. Das wusste er aus den Fernsehkrimis.
„Entschuldigen Sie mein Lachen“, entschuldigte sie ihr Lachen und schaute ihn wieder ernst an. „Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen. Sie müssen mich verwechseln. Ich bin weder Psychoanalytikerin, noch habe ich überirdische Kräfte. Sie haben mich beim Proben gestört. Ich übe meine Rolle für Hexe Hillary hält heute Hof, ein Theaterstück für Kinder.“
Er beschloss, die Alliteration einfach zu ignorieren und schöpfte Hoffnung. „Sie sind Schauspielerin?“
„Keine richtige. Ich spiele nur zum Spaß.“
„Das ist gut...“, murmelte Frank, „das ist sehr, sehr gut.“

Fortsetzung folgt

Donnerstag, 20. September 2012

Die Liste - 8

„Der findet sich in der Tat überall. Vermutlich auch hinter dieser Tür.“ Das waren die ersten Worte, die er von Frau Leitner zu hören bekam. Nach den Regeln eines normalen Dialoges war Frank jetzt an der Reihe. Aber der hatte nach seinem bisher einzigen gesprochenen Wort noch nicht einmal den Mund wieder geschlossen und starrte hemmungs- und fassungslos auf sein Gegenüber. Frau Leitner schnipste mit den Fingern. Direkt vor seiner Nase. Der erwünschte Effekt trat umgehend ein. Frank erwachte aus seiner Hypnose, blinzelte ein paarmal, klappte den Unterkiefer nach oben, räusperte sich und überwand sich, in ihre Augen zu schauen. Er spürte, wie heiße Röte in seine Wangen strömte. Ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte, seine auswendig gelernten Begrüßungs-Floskeln waren wie weggeblasen. Frau Leitner wirkte inzwischen eine Spur genervt. „Haben Sie einen Termin? Oder möchten Sie einen? Ansonsten… der Tierarzt befindet sich im Erdgeschoss.“ Mit den Augen suchte sie seine nähere Umgebung hoffnungsvoll nach irgendeinem Haustier ab. Aber da waren weder Hund an der Leine, Hamster im Käfig noch Fisch im Aquarium.

Bei dem Wort ‚Arzt‘ sprang sein Kopfmotor endlich wieder an. „Guten Tag. Mein Name ist Frank Frodor. Ich wohne im Haus gegenüber und möchte Sie um einen Gefallen bitten. Hier, bitte, schöne Blumen für Sie.“ Er sagte seine Formel vollkommen mechanisch auf, monoton wie ein Roboter und sah dabei zur Decke. Das Roboter-Gehaben verfestigte sich noch, als er ruckartig einen Arm ausstreckte und ihr einen kleinen Strauß Grünzeug mit Bunt drin vor die Brust hielt. Die Frau schien eine Sekunde lang fassungslos, dann hallte ihr heiseres Lachen durch das Treppenhaus. Ihr ganzer Körper schüttelte sich, die goldenen Ringe an ihren Armen klingelten, die Ringe in ihren Ohren, die genauso groß waren wie die an ihren Armen, schlackerten hin und her; Frank hatte Angst, dass der große, schwarze Rabenvogel auf ihrer wogenden Schulter in einem Anfall von Panik auf die Idee kommen könnte, ihm das eine oder andere Auge auszuhacken. Sein Krächzen war schrecklich und übertönte sogar die Lachsalven seiner Herrin. Ganz hinten in dem fast völlig schwarzen Flur sah er zwei rote Punkte aufblitzen.

Als Frau Leitner fertiggelacht hatte, stützte sie sich im Türrahmen ab. Die schwarzen Ränder unter ihren Augen waren tränenverschmiert, sie schluckte die letzten Gluckser runter und machte sich einen frischen Knoten in ihr rotes Kopftuch, das ihr fast über die Augen gerutscht war. Der Vogel hatte eine Kralle darin vergraben, um seinen Schulterthron nicht aufgeben zu müssen. „Na, Sie machen mir Spaß.“ Sie kämpfte immer noch mit ihrem Atem. Die zwei roten Punkte stellten sich als Augen heraus. Eine schwarze Katze schmiegte sich mittlerweile um Frau Leitners Beine und sah zu ihm hoch. Die Frau nahm die Blumen und deutete ihm mit der Hand, in die Wohnung zu kommen. „Sie haben fünf Minuten.“

Der Rabe, der schwarze Flur, die Katze, ihre ganze Aufmachung. Nichts von all dem fand sich in irgendeiner seiner Listen. Und doch war es ganz unverkennbar die Frau von gegenüber. Verkleidet. Ohne Brille; mit Kopftuch statt Dutt; mit glänzendem, grünem Wickelrock statt Jeans. Mit einem Raben auf der Schulter. Frank wollte am liebsten wegrennen. Lauf, Fodor, lauf!
Stattdessen fragte er: „Sind Sie eine Hexe?“

Fortsetzung folgt

Mittwoch, 19. September 2012

Die Liste - 7

Er stand mit einem Blumensträußchen vor dem Haustor gegenüber und zählte die Namensschilder. Achtzehn. Er rechnete. Das Haus hatte vier Stockwerke, im Parterre befand sich eine Kleintierpraxis. Neben dem Schild mit dem Namen Arche Noah war eines mit Hausbesorgerin. Demnach wohnten in jeder der anderen Etagen vier Parteien. Im dritten Stock gingen sechs Fenster zur Straße, hinter dem zweiten Fenster von links war vor wenigen Minuten ein Licht aufgegangen.
Marianne Leitner, das musste sie sein. Marianne. Er formte den Namen mit seinen Lippen und fand, dass er gut zu ihr passte. Sein Finger legte sich auf die Klingel, doch er zögerte. Frank hatte sich ein Sprüchlein zurechtgelegt, harmlos und freundlich, aber was, wenn sie ihn nicht hineinließ? Jeden Tag las er in der kleinformatigen Zeitung von Trickbetrügern, die fast ausnahmslos harmlos und freundlich lächelnd daherkamen, Gasableser oder Versicherungsvertreter mimten und einem Sparbücher und Golddukaten abluchsten. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall strangulierten sie einen vorher noch mit dem Kabel des Bügeleisens, manchmal auch erst danach, damit sie für immer schwiegen. Was nicht weniger schlimm war.

Er würde warten, bis jemand das Haus betrat und direkt an ihrer Wohnungstür klingeln, ein erster persönlicher Eindruck erhöhte vermutlich seine Chance, nicht abgewiesen zu werden. Frank hatte weder das Aussehen noch die Statur eines gewaltbereiten Mörders, sein Anblick erregte bei seinen Mitmenschen nicht Furcht, sondern Mitleid, dessen war er sich bewusst. Er hatte diese Tatsache oft verflucht, jetzt kam sie ihm vielleicht zupass.

Zu Hause hatte er einen Filter über die Listen gelegt und war noch einmal alles durchgegangen, was auch nur im entferntesten mit seiner Nachbarin zu tun hatte. Sie lebte allein, das wusste er schon lange, und sie lebte bescheiden, beinahe ärmlich. Gute Voraussetzungen, sie könnte das Geld, das er ihr bieten würde, bestimmt gut brauchen. Zweimal wöchentlich trug sie eine Plastiktüte eines Discounters nach Hause, nie sah er sie mit schicken Taschen von schicken Läden. Durchs Fenster konnte er einen Festnetzanschluss und einen alten Röhrenfernseher ausmachen. Sie hatte am 14. April Geburtstag, denn seit Jahren kam sie an jedem 14. April mit einem Karton aus der Konditorei nach Hause und empfing am Abend Besuch, vermutlich von ihren Eltern und ihrer Schwester.

Ein plapperndes Mädchen mit plapperndem Papagei im Käfig drückte die Klingel zur Tierarztpraxis und fragte ihn neugierig, welches Haustier er hätte und was ihm fehlte. „Ich hatte mal einen Hamster, und dem fehlt das Leben“, erwiderte er abwesend und war froh, als sich das Tor mit einem Summen öffnete. Er drückte sich an dem nervigen Kind vorbei und stieg in den dritten Stock. Sein Herz klopfte, er war die Anstrengung des Treppensteigens nicht gewöhnt, und aufgeregt war er auch. Er wartete vor der Tür mit dem Messingschild mit der verschnörkelten Aufschrift Leitner, bis sich sein Pulsschlag wieder auf das Normalmaß gesenkt hatte. Er atmete tief aus und nestelte an seiner Krawatte. Dann richtete er sich auf und klopfte. Frank fand, dass ein Klopfen an eine Holztür etwas viel Intimeres hatte als ein anonymes Drücken auf eine Klingel.

So schön hatte er sich die Worte zurechtgelegt, seine wenigen Sätze auf dem kurzen Weg hierher noch geübt, mit fester Stimme, denn er wollte nicht ängstlich und unsicher vor ihrer Türe stehen, sondern liebenswert, souverän und ernsthaft.
Als sie die Tür öffnete, drang nur ein „Wahnsinn!“ über seine Lippen.

Fortsetzung folgt

Montag, 17. September 2012

Die Liste - 6

Er starrte das Wort an. Und je länger er das tat und überlegte, was noch auf die neue Liste gehörte, desto stärker hatte er das Gefühl, das Wort starrte ihn an. Mutter.

„Verfluchte, alte Hexe. Kannst du mich nicht mal im Tod in Ruhe lassen?“ Die Worte zischten aus seinem Mund und hinterließen ein paar Speicheltropfen auf dem Monitor. Er wischte sie sorgfältig mit einem Taschentuch weg und entschuldigte sich stumm bei der im Keller verwesenden Leiche, die in seiner Vorstellung noch immer entrüstet eine Augenbraue nach oben zog.

Nach einer weiteren Tasse Tee erkannte er, dass er die Liste unmöglich weiterführen konnte, solange er den ersten Punkt nicht erledigt hatte. Alles stand und fiel mit einem Mutterersatz. Um die Maske würde er sich höchstpersönlich kümmern. Jede Falte ihres Gesichts hatte sich tief in sein Hirn eingegraben. Und was den Mund anging, da hatte er Glück gehabt: Für das Foto auf ihrem Personalausweis hatte Mama dick Lippenstift aufgetragen. Andernfalls wäre er hübsch in die Bredouille gekommen, ihre schmalen, blassen Lippen und die nach unten gezogenen Mundwinkel auf ein anders Gesicht zu kopieren. Der Rest waren farbige Kontaktlinsen, eine Brille mit dicken Gläsern, viel Schminke, ein Halstuch, um dem faltigen Hals aus dem Weg zu gehen und natürlich die schrecklich teure Echthaar-Perücke, die er hatte anfertigen lassen.

Mit Gerda war alles so einfach gewesen. Sie hatte nie Fragen gestellt, mit einem schüchternen Lächeln das Geld genommen und war nach ihrem Auftritt wie ein Phantom wieder verschwunden. Sie war klasse; hatte sich penibel an jede seiner Regieanweisungen gehalten, übertrieb ihre Rolle nicht, beherrschte die Unterschrift seiner Mutter nach nur drei Tagen in Vollendung und überzeugte den Mann von der Bank bei der Ausstellung einer Kontovollmacht für ihren Sohn genauso wie den Notar, als sie Fränkiboy die Drei-Zimmer-Wohnung übertrug. Aber Madame Gerda weilte auf Mallorca. Unwahrscheinlich, dass sie so etwas Schönes wie Mallorca im Frühling hätte sausen lassen, wenn er sie rechtzeitig gefragt hätte, und dieses Konjunktiv-Denken brachte ihn auch nicht vorwärts – er ärgerte sich nur so maßlos, dass er den Arztbesuch und all die damit einhergehenden Planungen nicht in eine Liste eingetragen hatte. Wie herrlich wäre es, noch zwei oder drei Wochen Zeit zu haben… Da! Schon wieder ein Konjunktiv! Er stand auf, schüttelte den Kopf, als würden so all die Wäre und Wenn’s von ihm abfallen, trat vors Küchenfenster und putzte seine Brille. In diesem Augenblick erglühten zwei Lampen. Eine im Wohnzimmer seiner wohlbelisteten Nachbarin gegenüber; und zeitgleich eine andere in seinem Kopf.

Fortsetzung folgt

Samstag, 15. September 2012

Die Liste - 5

Eineinhalb Jahre lang hatte alles reibungslos funktioniert. Eineinhalb Jahre lang hatte er auch nicht vergessen, etwas Wichtiges in die Liste einzutragen.
Der Tod seiner Mutter war völlig überraschend eingetreten, sie hatte weder an Übergewicht, Bluthochdruck noch Diabetes gelitten, ganz im Gegenteil, sie war drahtig und dürr, und diese Statur hatte sie ihm vererbt, leider. Sie war auch nicht am gefürchteten Hautkrebs erkrankt, denn wie er mied sie das Sonnenlicht.
Eines Morgens war sie einfach tot im Bett gelegen, ganz ohne sein Zutun. Frank hatte zum Telefonhörer gegriffen um den Arzt anzurufen, das machte man wohl so. Er fragte sich, woher jeder wusste, was in so einer Situation zu tun ist, obwohl man im Leben nur sehr selten in Situationen wie diese geriet, als plötzlich mit voller Wucht eine ungestüme Welle der Verzweiflung über ihn schwappte. Er ließ den Telefonhörer sinken und weinte. Nicht aus Trauer über den Tod seiner Mutter, die fühlte sich nicht annähernd so schlimm an wie beim Tod seines Hamsters vor dreißig Jahren. Die Welle bestand aus purem Selbstmitleid. Was wird jetzt aus mir?, fragte er sich, wieder und wieder. Was wird jetzt bloß aus mir?
Da die Antwort auf sich warten ließ, lebte er erst einmal einfach so weiter wie bisher. Wenn man über das Geschehene nicht nachdachte, es einfach einmal zur Seite legte, dachte Frank, würde es von seiner Bedrohlichkeit verlieren.
Er holte also wie jeden Morgen vom Bäcker einen Liter Milch und drei Brötchen, eines für seine Mutter, zwei für sich, und frühstückte. Nach dem Frühstück setzte er sich an den Computer und arbeitete an seinen Listen weiter, während seine tote Mutter unter der dünnen Decke im Bett lag. Das hätte ihr gefallen, dachte er, diese Alliteration. Oder dunkelblaue, dünne Daunendecke. Wenigstens motzte sie nicht.

Erst vier Tage nach dem Tod seiner Mutter wurde Frank bewusst, dass der Tod sich nicht einfach zur Seite schieben ließ. „Riechen Sie das auch?“, hatte ihn eine Nachbarin im Stiegenhaus gefragt.
Panik war in ihm aufgestiegen. Seine Unfähigkeit, Gerüche wahrzunehmen, war oft von Vorteil gewesen, nach dem Turnunterricht in der Garderobe zum Beispiel, oder beim Kloputzen. Jetzt nicht.
„Vielleicht tote Ratten im Keller“, hatte er geantwortet, „hat wieder wer Rattengift ausgelegt.“ Danach war er in sein Zimmer gestürzt und hatte eine Liste geschrieben, die er vor dem Ausdrucken alphabetisch sortieren ließ.
Eimer, Hammer, Keller, Kies, Maurerkelle, Wasser, Wasserwaage, Zement.

Eineinhalb Jahre lang war alles gutgegangen. Hätte er bloß nicht vergessen, den Termin für die Untersuchung wegen der Höhe des Pflegegelds für seine Mutter in die Liste einzutragen. Hatte er aber. Jetzt hatte er den Termin und damit sämtliche damit verbundenen Vorbereitungen versäumt. Der Arzt hatte für übermorgen einen Hausbesuch angekündigt. Übermorgen. Wie sollte er das alles so kurzfristig auf die Reihe kriegen?

Neue Liste öffnen. Ohne Tabelle auf dem Bildschirm konnte er nicht nachdenken. Obwohl die Tabellen ständig vor seinen Augen waren, sogar im Traum. Es spielte jetzt keine Rolle, auf welcher Seite der Gitterstäbe er sich befand. Dämlicher Therapeut, der hatte keine Ahnung vom Leben. Die Liste öffnete sich. Das Wichtigste zuerst.
Erstens: Mutter.
Er brauchte dringend eine neue Mutter. Keine, die vorwurfsvoll „Immer lässt du mich allein“ seufzte, wenn er jeden ersten Montag im Monat zum Treffen der Münzenfreunde, einem Verein für Numismatiker, ging. Sondern eine, die der medizinische Sachverständige untersuchen konnte. Vielleicht ja ein schwachverständiger Sachverständiger.

Die arbeitslose ältere Schauspielerin, die er bereits zweimal für ähnliche Gelegenheiten engagiert und gut bezahlt hatte, urlaubte auf Mallorca. Wo sollte er auf die Schnelle eine andere Mutter hernehmen?

Freitag, 14. September 2012

Die Liste - 4

Nachdem er sich die Krawatte um den Hals gebunden hatte, trat er nervös einen Schritt zur Seite und betrachtete sich im großen Spiegel seines Kleiderschrankes.
Laut Listen Nr. 54 (Kleidung allgemein) – 2 (Oberbekleidung) – 1 (Hemden) und 54 – 6 (Krawatten und Fliegen), die er mit den Listen Nr. 214 (Mode allgemein) und Nr. 214 – 2 (Farben und wie sie harmonieren) kombiniert hatte, müsste er mit dem Ergebnis zufrieden sein. Er begann unten, bei seinen Füßen, die in schwarzen, bis zu den Knien hochgezogenen Strümpfen steckten, und wanderte mit den Augen langsam hinauf. Über seine dünnen, weißen Schienbeine, die beinahe unbehaarten Oberschenkel, seine labberige, weiße Unterhose; er hatte das Hawaii-Hemd nicht zugeknöpft, wollte lediglich prüfen, ob das Rot der Krawatte zu dem Blau passte. Er stellte fest, dass er keine Ahnung hatte. Trotzdem konnte er den Blick nicht von seinem Spiegelbild lösen. Er war so mager, dass er die Knochen seines Brustkorbes erkennen konnte. Auf seiner Brust sprossen ein paar vereinzelte, schwarze Härchen. Er versuchte, sich zu erinnern, wann er zum letzten Mal nackt vor einem Spiegel gestanden hatte. Ihm war bewusst, dass er keine Zeit hatte, er musste sich ja noch um so viele Dinge kümmern. Dennoch streifte er die Strümpfe ab, zog Unterhose und Hemd aus, vergaß beinahe die Krawatte, trat wieder vor den Kleiderschrank und sah sich so lange in die Augen, bis alles verschwamm und er nichts mehr erkannte. Erst dann traute er sich wieder, das mit Haut überzogene Skelett zu betrachten. Sofort brachte er sein krummes Rückgrat in Ordnung, streckte die Brust raus und zog die Schultern zurück. Er war so weiß. Überall. Genau an der Grenze, um nicht krank zu wirken. Oder tot, dachte er. Hatte sein Körper jemals die Sonne gesehen? Ein paar Muskeln in seinem Gesicht bewegten sich. Nur für eine Millisekunde. In tausendfacher Zeitlupe abgespielt, hätte man die Verachtung erkennen können, die über sein Gesicht huschte.

Vor Jahren, er musste so um die dreißig gewesen sein, verbrachten er und seine Mutter eine Woche am Gardasee. In ihrem Wohnwagen. Es war heiß gewesen. Am ersten Tag wollte er nur in Badehose mit ihr an den Strand. Sie hatte es ihm nicht direkt verboten. Verbote hatte sie sowieso so gut wie nie ausgesprochen. In weinerlichem Tonfall hatte sie gesagt: „Der Bruder von Gerda ist an Hautkrebs gestorben. Der war auch so blass wie du. Willst du an Hautkrebs krepieren?“ Sie war dicht vor ihn getreten, sodass er ihre feuchten Augen sehen konnte und hatte ihm stumm eine lange Stoffhose und einen Pullover gereicht. Dieses Bild, als seine Mutter streng, vorwurfsvoll, enttäuscht und traurig zugleich vor ihm stand, veränderte seine Miene für einen Wimpernschlag in eine Fratze. Er zwang sich, nicht weiterzudenken. Wie so oft. Wie immer. Sonst würde er nur wieder bei dem einen Wort ankommen. Freiheit. Und wie immer würde er nichts damit anzufangen wissen und ihm würde übel werden.

Außerdem wurde es endlich Zeit, einen Plan zu machen. Neue Listen mussten her, Zeitabläufe über den Haufen geworfen werden. Er musste endlich handeln.

Fortsetzung folgt

Mittwoch, 12. September 2012

Die Liste - 3

Vielleicht war Frank einfach nicht sorgfältig genug vorgegangen. Vielleicht hätte er das Wesentliche nicht übersehen, hätte er mehr Überblick über seine Listen gehabt. Er setzte sich an den Computer und begann damit, eine neue Liste zu erstellen. Eine Liste über alle geführten Listen. Frank wusste, das würde ihm im Zweifelsfall nichts nützen, der Fehler war passiert und nicht wiedergutzumachen, das Unheil saß bestimmt schon in den Startlöchern, wartete auf den Startschuss und würde wie Usain Bolt auf ihn zurasen. Die Hoffnung, dass es mit dem Schuhband im Startblock hängen blieb, schien unwahrscheinlich, denn das Unheil trug weder Schuhband noch Klettverschluss. Das Unheil würde nackt und zielsicher auf ihn zukommen. Er tippte nervös weiter. Das Schreiben einer neuen, umfangreichen Liste gab ihm Halt und schuf Ordnung in seinem Kopfchaos.
Der Computer erinnerte ihn üblicherweise mit einem schrillen Ton an alle Termine, die in einer der Listen eingetragen waren. An den Geburtstag von Tante Trude, die Termine bei der Fußpflege und beim Arbeitsamt, den Ablauf der Rundfunkgebührenbefreiung, die jährliche Prostatavorsorgeuntersuchung und die Auszahlung im Sparverein. Aber der Computer erinnerte ihn nicht daran, Dinge in die Liste einzutragen.
Vielleicht sollte er ein zusätzliches Modul installieren, das diese Aufgabe übernahm, überlegte Frank. Er dachte nach und kratzte sich am Kopf, denn er saß vor einem schwierigen, beinahe unlösbaren Problem. Wie könnte die Entwicklung eines derartigen Programms technisch funktionieren, ohne Verbindung zwischen seinen Gedanken und der Festplatte?
Zu spät, es war ohnehin zu spät. Er hatte es vergessen, und jetzt würde er mit den Konsequenzen leben müssen. Frank entschied sich für die rote Krawatte zum blitzblauen Hawaii-Hemd mit Palmen.
Es war Dienstag, die Frau gegenüber noch in der Arbeit und Frank hatte Angst. Alles hing mit allem zusammen.

Fortsetzung folgt

Montag, 10. September 2012

Die Liste - 2

Zum ersten Mal bekam seine Welt Risse. Wenn schon auf seine Listen kein Verlass mehr war, was blieb dann noch? Er ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen und legte die Hände flach auf den Küchentisch. Eine halbe Stunde saß er so da, bewegte keinen Muskel und starrte aus dem Fenster seiner Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Normalerweise schätzte er diesen Moment. Er setzte sich oft mit einer Tasse Tee in seine kleine Küche, dachte über seine Listen nach und aß ein paar Kekse. Am Wochenende fand er besonderes Vergnügen daran. Da stand er pünktlich um acht Uhr auf, putzte sich die Zähne, klatschte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht, machte sich eine Kanne Kaffee, setzte sich in Unterhose an den zerkratzten Holztisch – und wartete. Laut einer seiner Lieblingslisten stand die Frau in der Wohnung gegenüber am Samstag durchschnittlich um 10 Uhr 09 auf; zumindest zog sie dann die Vorhänge in ihrem Schlafzimmer zurück. Am Sonntag wurde es schon mal 11 oder 12, der Schnitt lag bei 10 Uhr 53.
Heute aber war Dienstag, die Frau noch bei der Arbeit. Sie würde erst in zwei Stunden nach Hause kommen, um 19 Uhr 23, ungefähr.
Er hätte sie ohnehin nicht bemerkt. Die Häuserfassade verschwamm vor seinen Augen, die Fenster flossen ineinander, aus den geraden Linien wurde ein einziger Brei. Die Frau hätte in diesem Augenblick aus dem Fenster springen können, er hätte es nicht gesehen, trotz offener Augen. Die Gedanken schossen wie von einem Maschinengewehr abgefeuert in seinen Kopf.
Er sah sich neben seinem Therapeuten sitzen, beide schauen auf eine Leinwand. Der Therapeut drückt auf einen Knopf der Fernbedienung. Eine Excel-Liste erscheint, noch nackt, nur dafür gemacht, die Dinge des Lebens in geordnete Bahnen zu bringen. Er drückt wieder. Frank schaut durch Gitterstäbe in eine Gefängniszelle. Auf dem Bett sitzt ein – vermutlich amerikanischer - Häftling in orangefarbener Sträflingsuniform und schaut traurig in die Kamera.
„Auf welcher Seite sind Sie?“, hatte der Therapeut wissen wollen. Frank hatte begriffen. Der Psychoklempner hatte ihm weismachen wollen, dass die Listen ein Gefängnis waren, in das er die Welt sperrte. Oder sich selbst.
„Ich habe nichts verbrochen“, hatte Frank geantwortet.
Ein anderes Mal hatte er Frank einen Listen-Messie genannt. Ob er denn auch mal Listen löschen würde, wenn er sie nicht mehr brauchte. Frank war entsetzt über diese Idee. Wozu gab es schließlich Listen? In seinem Computer schlummerten an die zwanzig Ordner mit Listen, die auf Eis lagen. Zum Beispiel die, in die er seinen Zigarettenkonsum eingetragen hatte. Er rauchte nicht mehr, aber sollte er wieder anfangen, wäre er mit vier Klicks bei diesem Teil seines Lebens.
Wo lag der Fehler? Verdammte Scheiße, wie hatte er diesen Eintrag vergessen können? Seine Faust knallte auf den Tisch.

Fortsetzung folgt

Weise Worte, wahr

"Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf." Aus Gut gegen Nordwind - Daniel Glattauer

Selbstgeschrieben


Barbara A. Fallnbügl (mein Mädchenname) Monika Pellkofer- Grießhammer
Jakob und der gewisse Herr Stinki


Barbara A. Lehner (Text) Eleonore Petzel (Musik)
Von Herzen und Seelen - CD

Neu

Wie geht es unserer Testsiegerin?
Wie geht es unserer Testsiegerin?
Lo - 5. Feb, 17:25
Vielen Dank! Du findest...
Vielen Dank! Du findest mehr von mir auf facebook ;-)
testsiegerin - 30. Jan, 10:40
Kurschatten ' echt keinen...
auch wenn diese deine Kur schon im Juni...xx? war,...
kontor111 - 29. Jan, 09:13
zum entspannen...Angel...meint
wenn ich das nächste Mal im Bett liege, mich verzweifelt...
kontor111 - 29. Jan, 08:44
"Pinguin"
"Pinguin"
bonanzaMARGOT - 11. Mär, 11:11
Sleepless im Weinviertel
Ich liege im Bett. Ich bin müde. Ich lese. Eine Romanbiografie...
testsiegerin - 13. Jan, 11:30
... ich könnte mal wieder...
... ich könnte mal wieder eine brasko-geschichte schreiben.
bonanzaMARGOT - 8. Jan, 07:05
OHHH!
OHHH! Hier scheint bei Twoday etwas nicht zu stimmen. Hoffentlich...
Lo - 7. Jan, 13:36

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