Wolkenbruchartige Regenfälle, heute Nacht. Dabei können Wolken gar nicht brechen. Sie sind – wie mein Herz – viel zu weich dafür. Sie erbrechen. Weil aber wolkenerbrechende Regenfälle oder wolkenkotzende Regenfälle den Menschen nicht zumutbar sind, wie die Wahrheit, hat man sie zurechtgebrochen. Artige Wolkenbrüche noch dazu. Ganz und gar nicht artig sind sie. Sie haben ein rauschendes Fest gefeiert, da oben im Himmel, diniert und gesoffen, bis sich der Regen gebogen hat. Sind da oben herumgetorkelt, bis die eine, die schwarzwattige gelallt hat: „Mir ist soooo schlecht.“ „Steck dir den Finger rein“, hat die andere, eine unschuldige kleine Kumuluswolke geantwortet. „Ich hol die Schüssel.“ Aber die Zirrhen haben die Schüsseln versteckt und lachen sich in die Fäustchen. Da hat die fette Wolke alles auf die Erde gekotzt. Sogar ein paar unverdaute Hagelbröckelchen waren dabei. „Mir schwimmen die Felle davon!“ hat sie noch geröchelt. Fälle hat sie gemeint, Regenfälle, aber sie hat im Deutschunterricht nicht aufgepasst.
„Warum gewittert es?“, hat mein Kind mich gefragt, als es noch Kind war. Und ich hab – wie alle Mütter, zumindest dachte ich das – nicht von elektrostatischen Entladungen erzählt, sondern von einer anderen Art des Spannungsabbaus. „Sie streiten ganz fürchterlich“, hab ich mit sanfter Stimme gesagt und das Kind in den Arm genommen, „so heftig streiten sie, dass sie mit ihren Sturköpfen zusammenstoßen und es dann bis auf die Erde herunterkracht.
„Worüber streiten sie?“
Über das, worüber jeder Streit und jeder Krieggeführt wird. Revieransprüche. Sei es um ein Joch Acker, einen Mann, oder eben ein Stückchen Himmel. Sie können sich nicht einigen, wem der Himmel gehört. Jede will das größte Stück.
Das Kind hat in der Schule stolz sein neues Wissen geteilt. Die Mitschülerinnen haben es bewundert und ein ganzer Volksschuljahrgang war von meiner Theorie überzeugt. Davon, dass nach einem ordentlichen Gewitterstreit die Luft wieder rein ist. Sie sind also mit ihren Köpfen aneinandergekracht, haben sich versöhnt und alles war wieder gut.
Als ein fantasieloser Physiklehrer meine Theorie in Frage gestellt und ihnen beigebracht hat, was er für die Wahrheit gehalten hat, hat sich mein Kind fürchterlich geschämt und war sauer auf mich. „Warum hast du mich belogen?“, hat es gefragt. Mir schwimmen die Felle davon. Wolkenbruchartige Regenfälle. Ich hab versucht, ihr zu erklären, dass es nicht nur die Wahrheit des Physiklehrers gibt. Dass auch die Sache mit dem Kekse backenden Christkind, das Abendrot trägt, keine Lüge ist, sondern nur eine andere Wahrheit. Dass es so viele Wahrheiten gibt und nicht die einzig wahre.
Irgendwann wird sie mich verstehen. Wenn sie ihren Kindern die Geschichte von den wolkenbruchartigen Regenfällen erzählt, die es da oben krachen haben lassen. Sie wird die Geschichte noch ein bisschen ausschmücken, mit Gerüchen und Musik und Tequila und Manna. Dass die eine Wolke aber eine Manna-Allergie hat.
Vielleicht wird sie aber auch nur von verdampfenden Wasser reden, das in kalten Höhen kondensiert. Wer weiß das schon?
testsiegerin - 11. Jul, 08:10
„Wir begrüßen ganz herzlich Frau Lehner“, sagt der Moderator. Ich lese. Konzentriere mich darauf, schön zu formulieren, klar zu sprechen, habe vorher extra mit einem Korken im Mund geübt, obwohl mir dabei immer schlecht wird. Beim Lesen denke ich dran, dass Wettlesen nicht bedeutet, so schnell wie möglich fertig zu sein und achte auf die Pausen.
Ich hab das gut gemacht, finde ich, als ich die Zettel zur Seite lege. Aus dem Publikum verhaltener, höflicher Applaus. Wenigstens keine Buhhrufe.
Die kommen von der Jury. „Das ist keine Literatur", sagt der Mann ganz links, „das ist Trash. Die Geschichte quillt vor Pathos über und ist nicht lebensnahe. Kein Mensch verhält sich so wie die Protagonistin in der Geschichte. Und die Metapher mit dem Mond, der vom Himmel fällt, ist völlig misslungen. Einfach nur peinlich.“ Die Dame neben ihm fällt ihm ins Wort. „Das ist nicht mal Trash“, sagt sie, „das ist beschriftetes Klopapier.“ Sogar der Kerl, der mich zum Wettlesen eingeladen hat – ich hab ihm Ich bin sonst nicht so vorgelesen, die Geschichte zwischen Chef und Sekretärin, und er hat es sich dabei besorgt – lässt mich fallen. „Das war wohl nichts“, sagt er, „zu klein, zu wenig Spannung, insgesamt zu flach.“ Genau das dachte ich mir auch, als er mich vorher in der Garderobe gefickt hat.
„Was haben Sie sich bei diesem Text eigentlich gedacht?“, möchte der schnöselige Typ mit der Brille wissen und gibt sich selber die Antwort. „Nichts.“
Sie zerreißen meine Geschichte in der Luft. Also mache ich das gleiche. Die Kamera ist auf mich gerichtet, als ich meinen Text zerreiße, Seite für Seite. Ich verliere die Fassung. Ich bin ganz anders als die spätere Gewinnerin, die nach ihrem Sieg souverän sagen wird, sie hätte sich mehr Kritik gewünscht. Ich hätte mir Anerkennung gewünscht, ja, sogar Lob. Wenigstens ein bisschen Respekt. Es tut weh, so verletzt zu werden. Ich weiß, es gehört zu den Spielregeln, weil es sonst langweilig ist für das Publikum, aber es tut weh.
„Ihr Bohlens für Intellektuelle!“, schreie ich sie an. „Ihr habt doch keine Ahnung vom Leben! Das Leben ist nämlich keine geschliffene Formulierung, das ist manchmal Trash. Ihr habt keine Ahnung, wie sich meine Protagonistin fühlt, weil ihr niemals den Kitt aus den Fenstern fressen und euch prostituieren musstet für ein warmes Abendessen. Ihr habt keine Ahnung, wie es sich anfühlt, von den Nachbarn, Gerichten und Behörden gedemütigt zu werden. Das ist keine moderne Frau in der Geschichte, sagt ihr. Ja, das mag sein, dazu hat sie nämlich keine Zeit. Sie muss überleben. Das ist eine reale Frau. Ihr sitzt hier satt und zufrieden und demütigt selber! Ihr glaubt, ihr kritisiert Texte, aber ihr macht Menschen, die sie geschrieben haben, fertig.“
Die Saalordner ergreifen mich an den Ellbogen und wollen mich hinausziehen. Aber das lasse ich mir nicht gefallen. Die Kamera zoomt auf mich. „Die Autorin hat das letzte Wort, wenn sie will", schreie ich,"das gehört auch zu den Spielregeln. Ich lasse mich von mir völlig fremden Germanistikprofessoren und – innen, die allesamt noch nie geschwitzt haben, um ihre Miete zu zahlen, die noch nie kämpfen mussten auf ihren Unilehrstühlen, ich lasse mir von so jemandem nicht das Wort verbieten. Wieso maßt ihr euch überhaupt an, zu beurteilen, was gute Literatur ist? Das hat die Bachmann nicht gemeint, als sie sagte, dass die Wahrheit den Menschen zumutbar ist. Und warum in diesem Tonfall? So verachtend, verletzend und überheblich? Wisst ihr, was die Wahrheit ist? Euch geht’s in Wahrheit nicht um Literatur. Sondern darum, selbst ein bisschen besser dazustehen als andere. Um eure Eitelkeiten geht’s euch. Macht euch nichts draus, das kenn ich. Deshalb bin ich ja da. Und tschüs.“
Ich gehe an ihnen vorbei und lasse die Papierschnipsel meines Textes auf sie rieseln.
Ich werde nie wieder ein Wort schreiben, beschließe ich in diesem Moment.
Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster schaue, sehe ich eine Meute Journalisten und Fotografen vor den Himbeerstauden lauern. Ich schalte das Telefon aus, gehe in den hinteren Garten, wo man mich nicht sehen kann. Zerreibe Zitronenmelisse zwischen meinen Fingern und atme ihren Duft ein. Ich weiß nicht, ob ich stolz bin, weil ich meine Ängste besiegt und es gewagt habe, mich dem Theater auszusetzen. Ich weiß nicht, ob es mir übermorgen peinlich sein wird, zum Bäcker zu gehen. Ob ich je wieder Zeitung lese. Ich weiß gar nichts. Außer, dass ich jetzt eine Geschichte darüber schreiben werde.
testsiegerin - 10. Jul, 08:08
Vor der Sommerpause gibt es uns noch einmal mit unserem allerersten Programm. Für die, die es noch nicht gesehen/gehört haben und für die, die es gern noch mal hören wollen. Outdoor, diesmal. Bei Schönwetter.
Am Yppenplatz in 1160 Wien.
Gestern waren wir im Radio, eine Stunde lang, live. Wir hatten großen Spaß. Wenn ihr diesen Spaß mit uns teilen wollt, am Samstag wird die Sendung wiederholt, von 10 bis 11 Uhr.
http://radioypsilon.at/ - dann auf "hören" und dann auf "livestream".
Im Übrigen macht das Leben grad ziemlich Spaß, falls es wen interessiert.
testsiegerin - 9. Jul, 20:43
Es ist ein schönes, warmes Gefühl, mein handbeschriebenes Forscherinnentagebuch durchzublättern. Das hab ich alles in ein paar Tagen produziert, sagt das Gefühl. Auch, wenn es möglicherweise nur Scheiße ist. Keine richtigen Geschichten, kein lyrisches Gedicht voll Pathos. Nur ein Haufen hingeschissener Gedanken. Zum Teil noch unverdaut. Und trotzdem stehe ich davor und bin stolz darauf, wie ein Kleinkind, das staunend vor seinem Topf mit Scheiße steht. Boah, das haben alles wir produziert, sagen das Kind und ich, fasziniert von den eigenen Ausscheidungen. Denen von Körper und Geist. So lange stehen wir und schauen, bis irgendjemand sagt: Pfui! Und die Scheiße angewidert ins Klo spült. Das Kind und ich sind wütend. Und fassungslos. Dann sagt noch jemand: „Ja schämt ihr euch denn gar nicht?“ Das Kind und ich schämen uns. Wir schämen uns, dass wir uns gar nicht schämen. Nicht für unser Werk, unsere Produkte, die tief in uns entstanden sind und wir mit der Welt teilen wollen, die wir gemacht haben und jetzt vor uns liegen. Wir schämen uns nur für unsere Schamlosigkeit und unseren Stolz.
Ha! Da haben wir es. Die Liste meiner unerforschten, dunklen Flecken auf der Landkarte erweitert sich. Neben der Sucht nach Anerkennung und dem Neid jetzt auch noch den Stolz und die Schamlosigkeit. Bald haben wir alle sieben Todsünden durch.
Ich fasse das Kid an der Hand und tanze mit ihm einen wilden, ungebändigten Tanz ums Fegefeuer, das bedrohlich knistert und lodert. „Wo ist Gott?“, frage ich die Fratzen, die nicht wie wir tanzen, sondern sich im Schlamm suhlen. „Gott?“, fragt einer, „wenn du Gott suchst, bist du hier falsch. Hier gibt es keinen Gott.“ Als ich genauer hinschaue, erkenne ich, dass sie sich nicht im Schlamm suhlen, sondern in der Scheiße wälzen. „Es tut mir leid“, entschuldige ich mich beim Kind, „das wollte ich dir nicht zumuten.“ Aber das Kind löst sich von meiner Hand und spielt vergnügt mit der Scheiße. Niemand sagt „Pfui!“ Niemand verlangt, dass wir das Schambekenntnis auswendig aufsagen. Wir brauchen uns nicht zu schämen unter Unseresgleichen.
„Aber“, frage ich nachdenklich, „wenn es hier keinen Gott gibt, wer serviert hier eigentlich den Champagner?“
testsiegerin - 9. Jul, 08:17
In zehn Jahren gehe ich in Pension. Mit der Abfertigung werde ich das Dach reparieren lassen. Damit es mir nicht auf den Kopf fällt. Und jemanden dafür bezahlen, die alten Bäume zurückzuschneiden, damit mir beim Schreiben auch weiterhin Birnen auf den Kopf fallen. Vielleicht werde ich eine Schmuckwerkstatt einrichten. Und meine erste Kreuzfahrt machen. Mit 60 darf man das. Ich weiß, man darf das auch mit 25, natürlich, aber ich gestehe mir das mit 60 zu. Kuba vielleicht. Vielleicht ist ja auch der attraktive Herr meiner Geschichte „Kuba, wir kommen“ auf dem Boot. Eine Kreuzfahrt ist in meinen Kreisen der Inbegriff von Spießertum. In meinen Kreisen fährt man mit dem alten VW-Bus in die Wüste, wandert die bretonische Küste entlang oder begegnet in kanadischen Nationalparks Bären und verbringt die kühlen Winter in Goa oder auf Gomorrha. In meinen Kreisen und in meinem Alter hat man mindestens ein Jahr im Ausland verbracht und wenigstens vier Kontinente besucht. Wenn nicht alle sieben.
Ich war noch fast nirgends. Ich zucke betroffen zusammen, wenn jemand in geselliger Runde erzählt, dass Reisen den Geist öffnet und den Horizont erweitert.
Bin ich engsichtig und –stirnig, weil ich im Sommer im Garten sitze, von den Ribiseln nasche, den Ananassalbei zwischen den Fingern zerreibe und mich am Duft der Schokominze erfreue? Bin ich etwas dümmlich und dämlich, weil ich mein Geld nicht in eine Großwildsafari, sondern in zwei Operationen eines Katerbeins investiere?
Ich hätte ihn einschläfern lassen, sagt sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich nicht. Ich hätte das nicht können. Ich kann doch ein Familienmitglied – und das sind unsere Katzen für mich, Familie – nicht einschläfern lassen, nur weil es sich ein Bein gebrochen hat. Ich möchte auch nicht, dass jemand an meinem Krankenbett steht und zum Arzt sagt: „Nein, kein neues Kniegelenk für die Frau Lehner, das können wir uns nicht leisten. Schläfern Sie sie bitte ein. Und seien wir uns ehrlich, so ein Leben mit kaputtem Knie ist doch kein Leben mehr. Sie ersparen ihr damit Leid... und uns Geld.“
Ich bin keine große Tierschützerin vor dem Herrn, nein, ich esse mit Vergnügen Würste vom Mangalizzaschwein, zerteile aus Rache für die nackten Hokkaidopflänzchen mit dem Spaten schleimige Nacktschnecken und sehe ungerührt zu, wie meine Tochter mit einem Aufschrei eine Fliege zerklatscht. „Warum bist du so aggressiv?“, frage ich. „Fliegen tötet man nicht mit Liebe“, antwortet sie.
Gestern hat mir der nunmehr dreibeinige Kater die erste Maus nach seinem Unfall vor die Füße gelegt. Eine ziemlich teure Maus.
Jetzt sind wir bei den Katzen, dabei waren wir grad beim Reisen. Wie krieg ich die Kurve wieder? Ja, das fehlende Konzept ist ein Nachteil beim forscherinnentagebuchführenden Schreiben.
Stubentiger statt sibirische Tiger. Ribisel statt exotischer Früchte. Engstirnig statt weitem, unendlichen Horizont. Du bist zynisch, sage ich mir, als ich vom unendlichen Horizont kinderfickender Touristen in Thailand schreiben will, oder – um fair zu sein – von frustrierten Europäerinnen, die sich großschwänzige Schwarze, oder schwarze, große Schwänze kaufen. Ich gebe zu, ich habe für den Augenblick eines Lidschlags sogar „Negerschwänze“ gedacht.
Ja, du bist verdammt zynisch, Barbara, denke ich. Und neidisch bist du auch. Nein, nicht auf die Ne... auf die Schwänze. Auf die, die sich ferne und aufregende Reisen leisten können und leisten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es mir nur einrede, dass ich mich in meinem Garten grad wohler fühle als an einem traumhaften Sandstrand, umgeben von lauter unendlich schönen, schlanken, jungen, knackigen und weitsichtigen Menschen. Oder ob ich mir etwas vormache. „Schleich dich, Neid!“, zische ich. Zischen zischt. Was für ein wunderbar onomatopoetisches Wort.
Ich bin selber weitsichtig. Ohne Brille kann ich im Restaurant nicht mal mehr ein saftiges Filetsteak vom Angusrind bestellen. Oder ich bestelle eines, obwohl es nicht auf der Karte steht, weil ich die Karte nicht mehr lesen kann.
Die Männer eines neuseeländischen Stammes begrüßen sich, indem sie mit nacktem Oberkörper mit verschränkten Händen unter ihre – also die eigenen – Achseln greifen und dann ihren Schweiß über den Körper des Gegenübers streichen. Das hat jetzt mit dem Horizont nichts zu tun und auch nichts mit Neid, nur mit Reisen. Und mit dem Seminar vorige Woche. Das Fremde befreunden.
Kuba wird mich auch in zehn Jahren nicht weitsichtiger machen, fürchte ich. Nicht besser, klüger, toleranter oder sonstwas. Ich mag einfach mit einer Freundin wegfahren, die Sonne und kubanische Rhythmen genießen und ein bisschen dekadent beim Captains Dinner Champagner schlürfen und über die Mitreisenden lästern, die es notwendig haben, eine Kreuzfahrt zu machen anstatt individuell mit lauter anderen Individualisten nach Kambodscha zu reisen oder in noch fremdere Länder, die noch nicht einmal entdeckt worden sind.
Vielleicht habe ich so viel Fremdes in mir, das zu entdecken und befreunden es sich noch lohnt – oder auch nicht lohnt. Wie kann man Gefühle wie Neid, Sucht nach Anerkennung und wer weiß, was ich noch alles auf meiner Reise in mich entdecke, wie kann man solche Gefühle befreunden?
Was, wenn sich meine Freunde angewidert von mir abwenden und sagen: „Wenn die kommen, dann gehen wir! Die können wir nicht leiden. Wir mögen nur dein Lachen, deine Wärme und deinen Rhabarberstrudel.“
Muss ich dann ganz allein nach Kuba?
testsiegerin - 7. Jul, 12:31
Der Tod macht humorvoll, steht auf der ORF-Seite. Die Überschrift macht mich neugierig, steht mir ins Gesicht geschrieben. Bevor ich die Meldung anklicke, beginnt meine Hirnmaschine zu rattern. Der Tod macht also humorvoll. Liegen wir unter der Erde und lachen uns ins verwesende Fäustchen, weil wir es hinter uns haben? Bin ich irgendwann ein Häufchen Asche, das sich nicht einkriegen kann und das es vor Lachen durcheinanderschüttelt?
Ich klicke die Meldung an. Menschen, die sich intensiv mit dem Tod auseinandersetzen, haben einen Hang zum schwarzen Humor und zur Ironie. Aha. Unter Wissenschaft steht der Artikel, also gibt es dazu eine Studie. Wahrscheinlich gibt es auch eine Studie, die das Gegenteil herausgefunden hat. Menschen, die sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen, sind lustiger.
Wie findet man wissenschaftlich heraus, ob sich jemand intensiv mit dem Tod auseinandersetzt? Farbgebung der Hirnströme? Oh je, Frau Lehner, alles schwarz. Ein dunkelschwarzes, tiefes Loch in ihrem Gehirn. Sie sollten nicht so viel an den Tod denken. Ich breche in gurgelndes Lachen aus. Sehen Sie, sagt der Studierende. Das ist der Beweis. Sie haben grad an den Tod gedacht. Ich denke immer wieder an den Tod. Kann man nicht an den Tod denken, an die eigene Vergänglichkeit und die der anderen? Ich denke an Ribiselsaft. Ich trinke ein Glas Ribiselsaft auf den Tod. Morgen werde ich Ribiselsaft machen. Zwiebelconfit will ich auch machen, bevor ich sterbe. „Ich hab mir Zwiebelmarmelade auf die Buttersemmel geschmiert“, erzählt die Sekretärin, „das hat grausig geschmeckt.“ Sie hat die Marmelade weggeschmissen. Die Buttersemmel auch. Wenigstens setzt sie sich mit vernünftigen Dingen auseinander und nicht die ganze Zeit mit dem Tod. Ich setz mich mit dem Tod zusammen. „Keinen Alkohol heute“, sage ich und nippe am Ribiselsaft, „ich hatte gestern zu viel.“ Der Tod lacht. Vielleicht mache ich eine Studie dazu. Tode, die sich mit Menschen zusammensetzen und mit ihnen Champagner oder Ribiselsaft trinken, sind fröhlicher als die, die sich schweigsam von hinten heranschleichen und das Bajonett durch die Brust jagen.
Ich kann den Tod nicht besiegen. Ich kann ihn nicht mal verdrängen, denn er ist immer da. Schon bei unserer Geburt linst er um die Ecke, grinst, er linst und grinst also und flüstert beinahe unhörbar: Irgendwann gehörst du mir. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Was hat der Ribiselsaft mit Humor und Tod zu tun? Humor hat den selben Wortstamm wie Humus, humid, human gar? Humor ist feucht, nach antiker Ansicht war die Stimmung eines Menschen abhängig von den im Körper wirksamen Säften. Im Leben wie im Tod saftelt man. Ribisel saftelt man auch.
Und wenn ich ihn nicht besiegen, nicht verdrängen und nicht abschaffen kann, dann kann ich ihm nur mit Humor begegnen. Nein, ich lache ihn nicht aus, das wäre vermessen. Ich lache einfach. Nicht, weil alles so lustig ist. Das Lachen dient in diesem Fall lediglich dem Spannungsabbau, das habe ich auf dem Ekelseminar vorige Woche gelernt. Der Körper schüttelt die Angst und den Ekel, den wir angesichts des Todes empfinden, einfach weg.
Den schweren Kopf, den ich vom Champagner gestern hab, schüttle ich nicht weg. Den bewege ich nur ganz sanft. Und mach dann Ribiselsaft. Oder Zwiebelconfit. Oder ich schlaf einfach noch ein bisschen.
testsiegerin - 6. Jul, 10:04
Seit ich in der Früh schreibe, fällt mir auf, dass ich, sobald ich wach, nein, noch nicht mal wach, sogar halbwach, immerzu denke. Ich bin früher als früher wach und halbwach, weil ich denke, dass ich schreiben muss. Dabei muss ich nicht, ich will. Ich muss mich nicht mal zwingen. Ich bin wach, bevor der Wecker läutet, obwohl ich den Wecker so einstelle, dass ich früher wach bin, um noch zu schreiben. Es ist wie eine Sucht, die mich erfasst hat. Noch will ich keinen Entzug.
Ununterbrochen rasen mir die Wörter gegen die Fahrtrichtung durchs Gehirn. Fahrt doch wenigstens langsamer, schreie ich sie an. Damit sie das tun, schreibe ich mein Forscherintagebuch jetzt mit der Hand.
Ich schreibe von Geisterfahrenden Gedanken und denke im selben Moment: Das ist schön. Also nicht, dass geisterfahrende Gedanken schön wären, aber der Gedanke an geisterfahrende Gedanken ist schön. Ich ertappe mich, dass ich schon wieder auf der Suche bin nach veröffentlichungsfähigem Stoff. Ich bin ein Junkie. Süchtig danach, mich zu zeigen. Und süchtig nach ein paar Worten der Anerkennung. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Meine wichtigsten Werte sind die Kreativität und der Humor, das ist bei einer Seenotübung herausgekommen. So schauts nämlich aus. Vielleicht schummelt sich die da meine Sucht nach Anerkennung dazwischen. Aber für Kreativität und Humor gibt es Zuspruch, ja Anerkennung, das sind gesellschaftlich erwünschte Werte. Wenn auch gefährlich. Boahh, ist die fantasievoll und kreativ, was für eine witzige Frau.
Keine Sau würde bewundernd sagen: „Schau, sie fixt sich Anerkennung in die Seele!“ Die Sucht nach Anerkennung ist gesellschaftlich unerwünscht, wie alle Süchte. Vielleicht, weil sie uns mit den eigenen Sehnsüchten konfrontiert. Die Sucht nach Anerkennung ist Geisterfahrerin auf unserer Wertebahn. Unsere eigenen Fehler und Makel kommen uns entgegen, hupend und schimpfend. Du bist auf der falschen Spur, schreien sie uns an. Angst haben sie, die knallroten, richtigen Werte, wenn ihnen solche Außenseiter wie die Sucht nach Anerkennung entgegenkommen. Sie haben Angst, sich anzustecken. Sucht ist nicht ansteckend, sage ich, Werte sind generell nicht ansteckend. Die ganzen schönen und guten Werte, Toleranz und Mitgefühl und Loyalität, sie sind individuell. So ein Blödsinn, lacht die geisterfahrende Sucht nach Anerkennung, sie sind natürlich ansteckend... und gefährlich. Dass Lachen ansteckend ist, weiß jedes Kind. Und schau mal nach Ägypten und in die Türkei. Auch die Freiheit und der Mut sind ansteckend. Vielleicht sogar die Liebe.
Ja aber. Aber. Aber Aber. Aber müssten wir die Nadel mit der Liebe dann nicht den anderen in die Venen jagen anstatt uns? Uns zuerst. Dann den anderen. Sie infizieren damit. Wir können andere nur mit Liebe anstecken, wen wir uns selbst Liebe geben.
testsiegerin - 5. Jul, 07:36
Vorwort: Seit kurzem führe ich ein Forschertagebuch. Das heißt, ich nehme mir jeden Tag - noch im Bett - 15 Minuten Zeit und schreibe. Wichtig dabei ist, dass die Schreibhand (in meinem Fall die Schreibhände) ständig in Bewegung bleibt und man unzensiert alles aufschreibt, was einem durch den Kopf geht.
Das soll den Bilck fokussieren, Schreibhemmungen (o.k., ich hab keine, aber es könnte ja werden) abbauen und Zugang zum mittleren Unbewussten schaffen.
Wie auch immer, ich finde zumindest Teile dieser Texte zu schade, um sie in meinem Forschertagebuch zu verstecken, vielleicht ist es auch nur mein Exhibitionismus, der mich dazu treibt, manche davon trotzdem zu veröffentlichen.
Das Kind, das ich einmal war
Lieb, sagt man, war ich, und das klingt beinahe wie nett. Ich mag kein liebes Kind gewesen sein. Ein wildes, abenteuerlustiges, schlimmes, schwieriges Kind mag ich gewesen sein. Aber wen auch immer ich frage, ich war einfach ein liebes, unkompliziertes Kind. Eins, das schon mit zwei Jahren in den Kindergarten gegangen ist, und zwar gerne, eines, das sich nicht vor dem Nikolaus gefürchtet hat, eines, das brav gelernt hat, viele Sternchen und römische Einser im Schulheft gehabt und der Lehrerin die Tasche nach Hause getragen hat. Ich war ein Kind, das keine Probleme gemacht hat. Eins, das auch bei ihrem dreimonatigen Krankenhausaufenthalt alle ins Herz geschlossen haben.
Dabei wäre ich so gerne ein wildes, zorniges, zügelloses, waghalsiges Kind gewesen. Ich möchte ein aufregendes Kind gewesen sein, eins, wo alle die Köpfe geschüttelt und gestöhnt hätten: „Ein schwieriges Kind“, und sie hätten die Schultern gezuckt und gesagt „na ja, wir lieben sie trotzdem.“ Ich wäre so gerne trotzdem geliebt worden, nicht einfach so, weil ich war. Weil ich einfach war. Gut, ein bisschen faul und schlampig war ich immer, aber unkompliziert.
Ich hatte keine Wutanfälle als kleines Mädchen, ich zog brav alles an, was Mama mir hergerichtet hat, sogar die gestrickten roten Hotpants, im Partnerlook mit meiner Schwester; ich hab brav Bitte und Danke gesagt und bei meiner Oma im Bett geschlafen, obwohl sie unter dem überdimensionalen Marienbild nicht gut gerochen und ständig mit dem strafenden Gott gedroht hat. Ich hab brav die Hände gefaltet und inbrünstig gebetet und dem Jesuskind nicht ins Gesicht gespuckt.
Dabei hätte ich so gerne aufbegehrt. Nicht damals, damals war ich zufrieden, ja, ich hatte eine scheißglückliche Kindheit, heidelbeerpflückend im Wald, aber rückblickend wäre ich gern anders gewesen.
Ich beneide sie immer noch, die Menschen, die eine schwierige, spannende, ungestüme und wilde Kindheit hatten. Die keine Nacht durchgeschlafen und um vier Uhr früh Wutanfälle gehabt haben, weil man ihnen den falschen Schnuller in den Mund gesteckt hat. Die, die mit dem Kopf ein Loch in die Wand bohren wollten und mit Gummistiefeln im frischbezogenen Bett gehüpft sind. Die in Betragen einen Dreier hatten und einen Termin mit der Schulpsychologin und die den Blattspinat aufs weiße Tischtuch gespuckt haben.
Das Problem war, dass mir der Spinat und die eingebrannten Erdäpfel und alles andere, was man mir vorgesetzt hat, immer geschmeckt hat. Wozu es also ausspucken?
Ich beneide meine Tochter um ihre wilde, gar nicht brave Kindheit.
Sie leidet darunter, dass ihr immer gesagt wird, wie erstaunlich es ist, dass aus ihr so eine liebe, nette, junge Frau geworden ist, obwohl sie so ein schwieriges und anstrengendes Kind war. Dass aus ihr etwas geworden ist. Als müsse man erst etwas werden im Leben, als reichte das Sein nicht aus.
Sie ist wunderbar, witzig und liebenswert, trinkt keinen Alkohol und nimmt keine Drogen, lernt für Prüfungen, begleitet mich bei Waldspaziergängen und ritzt sich nicht.
Ich liebe sie trotzdem.
testsiegerin - 2. Jul, 14:31
Morgens liege ich im Bett und frage mich, welche Worte ich heute anziehen soll. Ich wühle in der Unterwortlade. Worte wie Slips, in die ich gedankenlos hineinschlüpfe. Bauchwegworte, die Unangenehmes wegpressen. Nehme ich sexy Stringworte, die einschneiden, oder bequeme, lasche, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind, in denen ich mich aber wohl fühle? Worte wie schlabbrige Jogginghosen. Oder doch lieber Strumpfhosenworte, die Ungesagtes verhüllen. Ich lasse sie auf der Zunge zergehen. Hauchdünn und transparent. Sie zerreißen immer wieder. Ich kann nicht mit ihnen umgehen, mit den 8-Den-Worten, bin nicht vorsichtig genug mit ihnen, zu ungestüm. Ich ziehe sie mit meinen bloßen, rauen Gedanken an anstatt mit feinen Sommerhandschuhen. Ich suche die richtigen Worte. Aber ich finde sie nicht. Durchwühle die Wortschatzkiste. Ärgere mich, weil ich abends alles so wahllos hineingeschleudert habe. Ich sollte sorgsamer umgehen mit den Worten, ich weiß.
Und jetzt? Schönekleiderworte. Große Schönekleiderworte und kleine. Kurze oder lange. Die Kleiderworte kleiden mich. Verkleiden mich auch. Wirken. Gewirkte Worte. Wirkworte. Wie wirken sie? Vielleicht hänge ich die Schönenkleiderworte wieder zurück in den Wortschrank und ziehe stattdessen wärmende Worte an? Weiche, warme, tröstende, freundliche Worte. Worte, die anderen gut tun.
Wärmende oder wirkende? Bequeme oder schöne? Jeden Tag dieselbe Frage, bevor ich mich dem Tag ausliefere. Trotz aller Überlegungen sprudeln sie dann einfach so aus mir heraus. Lustige Wörter, normale, neue manchmal, gebrauchte. Dreckige Worte auch. Zerknitterte, ungebügelte Worte. Aber soll ich den Bügeltisch aufstellen wegen ein paar Worten? Zerknittern sie nicht im Laufe des Tages ohnehin? Ich werfe sie mir lässig um. Werfe sie um.
Es gibt Worte, die ich jeden Tag anziehe. Grundworte. Grundwerte. Worte ohne Grund. Slipworte lasse ich manchmal weg und fühle mich verrucht. Weil dann die anderen, die äußeren Worte, einfach so auf der nackten Haut aufliegen. Es spürt sich gut an. Verboten, weil nichts meine Nacktheit schützt.
Heute früh bin ich in Frauenworte geschlüpft. Nicht sexy sein, sondern bequem und ehrlich. Bioworte. Fair gehandelt. Nahe Worte zu einer der besten Freundinnen. Es ging nicht darum, zu wirken. Sondern zu sein. Nicht schillern müssen, sondern in schöne, bequeme, biofairgehandelte Worte schlüpfen.
Welche gehören mehr zu mir? Die poetischen, schillernden gewirkten Worte, die scheinen?
Die meinen.
testsiegerin - 30. Jun, 20:01